Wir leben die gefährlichste Zeit in der Geschichte der Menschheit, warnt Chomsky

Rui Filipe Gutschmidt – 27. September 2020

Rui Filipe Gutschmidt

Der amerikanische Intellektuelle Noam Chomsky warnt in einem Interview mit dem New Statesman, dass die Konvergenz der Klimakrise, die nukleare Bedrohung und der zunehmende Autoritarismus den gegenwärtigen historischen Moment gefährlicher machen als in den 1930er Jahren.

Mit 91 Jahren bleibt Noam Chomsky in bürgerlichen und politischen Interventionen aktiv. So ist er zusammen mit Bernie Sanders, Naomi Klein und Yanis Varoufakis bei dem Linksbündnis „Progressive International“. In einem Interview mit „New Statesman“ Chomsky warnte, dass die Welt vor einem „beeindruckenden Zusammentreffen sehr schwerer Krisen“ stehe, dessen Dimension sich in der letzten Bewegung der berühmten „Doomsday Clock“ zeigte. „Seit dem Atombombenangriff wurde sie jedes Jahr angepasst. Der Minutenzeiger hat sich vorwärts und rückwärts bewegt. Aber im letzten Januar gaben sie die Minuten auf und gingen zu den Sekunden bis Mitternacht über, was Aussterben bedeutet. Und das war, bevor die Pandemie eskalierte“, erinnert er sich.

Für den amerikanischen Linguisten ist die Gefahr eines Atomkrieges heute „wahrscheinlich ernster als zur Zeit des Kalten Krieges“. Auf der anderen Seite gibt es die Bedrohung durch die Klimakatastrophe und die Verschlechterung der Demokratie, „die auf den ersten Blick nichts mit den anderen zu tun zu haben scheint, aber tatsächlich viel zu tun hat. Denn die einzige Hoffnung, mit den beiden anderen existenziellen Krisen fertig zu werden, die das Aussterben der Menschheit verursachen könnten, ist eine lebendige Demokratie mit informierten und engagierten Bürgern, die daran beteiligt sind, Antworten auf diese Krisen zu finden.“

Noam Chomsky in einem Interview mit Democracy Now:

Gegenüber „Democracy Now“ gab Chomsky auch seine Meinung zur aktuellen US-Administration. So würden die USA „hauptsächlich vom Unternehmenssektor geführt,“ was auf internationaler Ebene unter Präsident Trump zu neuen Krisen und wohl bald auch Kriegen führen kann.

Chomsky betont Donald Trumps Rolle bei der Verschärfung dieser drei Krisen, indem er Rüstungskontrollmechanismen zerstört und in neue, gefährlichere Waffen investiert, den Einsatz fossiler Brennstoffe maximiert, die Umweltvorschriften schwächt und alle Stimmen von Dissidenten in der Exekutive entfernt.

„Er hat bereits gesagt und wiederholt, dass er sich nicht bewegen wird, wenn ihm die Ergebnisse der Wahlen nicht gefallen“, erinnert sich Chomsky und sagt, dass in diesem Fall das Militär, nämlich die 82. Luftlandedivision, verpflichtet ist, ihn mit Gewalt zu entfernen. Die Tatsache, dass dieses Thema auf dem Tisch liegt, ist nicht nur im amerikanischen Regime beispiellos, sondern kann schwerwiegende Folgen haben. Im Übergangsplan des Präsidenten haben hochrangige demokratische und republikanische Beamte die Frage gestellt, was passieren kann, wenn Trump sich weigert zu gehen, und „alle von ihnen aufgeworfenen Szenarien führen zu einem Bürgerkrieg. Das ist kein Scherz“, warnt Chomsky. Auch wenn Trump diese Ideen inzwischen leugnet, so ist es ihm dennoch zuzutrauen.

Chomskys Botschaft für die Linken in den Vereinigten Staaten lautet: „Was immer getan werden muss, dass ist anzuerkennen, dass echte Politik ständiger Aktivismus ist“. Was im Falle einer Wahl in einem überparteilichen System bedeutet, für den Kandidaten stimmen zu müssen, der sich Trump widersetzt. „Aber gleich danach müssen wir ihn (Biden) herausfordern, den Druck aufrechterhalten, ihn zu fortschrittlicheren Vorschlägen drängen“, fügt der Intellektuelle hinzu, der sich als Anarchist definiert.

Laut Chomsky leben wir in einer Zeit, in der nationalegoistische Tendenzen in den Demokratien so stark werden, dass sie Wahlen gewinnen und so das bestehende System internationaler Kooperation gefährden. „In der Praxis bilden sich neben Persönlichkeiten wie dem brasilianischen Bolsonaro, dem ägyptischen al-Sisi, dem indischen Modi oder dem ungarischen Orbán eine ganze Reihe an „reaktionären Nationalisten“.

Das „Nationale Interesse“ wird in den Vordergrund gestellt und Populisten, wie Donald Trump und die oben genannten „Persönlichkeiten“ überzeugen die Wähler, dass sie die beste Alternative zum korrupten, von globalen Großkonzernen und international agierenden Investmentbankern dominierten System darstellen. Doch Trump, Bolsonaro oder auch Leute wie Erdogan, sind dahingehend genauso korrupt und ihr Nationalkapitalismus entpuppt sich bei genauerem Hinsehen ebenso als eine Farce.

Chomsky ist nicht mehr der jüngste unter den politischen Aktivisten und das Model der linken als reine Arbeiterbewegung reißt vor allem die vielen Arbeitslosen und in die Scheinselbstständigkeit abgeschobenen Wähler nicht mehr vom Hocker (oder am Wahltag vom Sofa), aber der 91-jährige ist nicht in der Zeit stehengeblieben. Nationalismus ist nie eine Lösung, weil dabei immer Interessenkonflikte entstehen, die letztlich zum Krieg führen. Die Linke, genaugenommen die progressive Linke, ist für Chomsky der Weg in eine friedliche Zukunft, bei der die Menschheit gemeinsam die Probleme unserer Zeit zu lösen vermag.

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