Wie die „McDonaldisierung“ zur Entfremdung der Innenstadt führte

Kaffee bei Starbucks. Bild: YouTube

Autor unbekannt – 6. März 2020
zur Verfügung gestellt
von AmericanRebel

Bei einem Gang durch deutsche Innenstädte fallen einem die immer gleichen Ladenlokale ins Auge: Bei H&M wird das neue Shirt für die Uni gekauft, bei Footlooker die neuen Schuhe und zum Schluss einen Kaffee bei Starbucks. Egal ob Leipzig, Stuttgart, Kiel, Hamburg oder Magdeburg, in jeder Stadt zeigt sich dasselbe, vorhersagbare Bild. Ladeneketten dominieren die moderne deutsche Großstadt und führten zwar zu einer Rationalisierung aber auch zu einer Verödung der Innenstädte. Ein Gastbeitrag vom Sozialforscher Fabian Schwanitz.
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Die McDonaldisierung

McDonaldisierung der Gesellschaft beschreibt einen Prozess, in dem rationale Prinzipien, welche denen eines Fast-Food-Restaurant gleichen, in immer mehr Teilbereiche des Gesellschaftssystems eindringen (1). Der Name McDonaldisierung geht dabei auf einen der größten Fast-Food-Konzerne zurück, welcher heute in mehr als 118 Ländern mit mehr als 32.000 Filialen aktiv ist (2). Das Funktionieren der einzelnen Filialen folgt immer denselben Prinzipien: Effizienz, Kalkulierbarkeit, Vorhersehbarkeit, Kontrolle.

Den Kunden wird in Fast-Food-Restaurants, der schnellste Weg vom hungrigen zum satten Zustand geboten („Effizienz“) und in jeder Filiale wird das gleiche Sortiment zum identischen Preis angeboten („Berechenbarkeit“). Produkte und Service sind an jedem Ort, zu jeder Zeit dieselben („Vorhersehbarkeit“) und das Servieren der Speisen auf Plastiktabletts begünstigt das schnelle Gehen der Kundschaft („Kontrolle“) (3).
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Diktat der Rationalisierung

Schon Max Weber prophezeite in seiner „Theorie der Rationalisierung“, dass die moderne westliche Welt immer rationaler und somit berechenbarer und kontrollierbarer werde (4). Weber erklärt, dass die Menschen der westlichen Welt zur Erreichung eines Ziels auf optimale Mittel durch Regeln, Vorschriften sowie größere gesellschaftliche Strukturen zurückgreift und bezeichnet dies als „formale Rationalität“. In der formalen Rationalität wird dem einzelnen Individuum aber kaum Wahlmöglichkeit gelassen, denn es gibt nur einen optimalen Weg um ein Ziel zu erreichen. Beispielhaft ist hierfür die moderne Bürokratie: Jeder muss dieselben vorgefertigten Formulare ausfüllen und sich an dieselben Ämter wenden um eine bestimmte Leistung in Anspruch nehmen zu können. Weicht man vom vorgefertigten Pfad ab, gibt’s keine Leistung.

Innenstadt. Bild: YouTube

Die McDonaldisierung treibt diesem Rationalitätsstreben nun auf die Spitze, da die Prinzipien der Rationalisierung immer weitere Teile unseres Lebens beeinflussen und Einklang in unser Privatleben finden. Das moderne Individuum ist eingebettet in einer Reihe rationaler Strukturen, die weit über die am Arbeitsplatz oder der Behörden hinausgeht:

Studiert wird im Bachelor-Master-System, gearbeitet wird an rationalisierten Arbeitsplätzen, in denen jeder durch IT-Systeme kontrolliert werden kann, trainiert wird in standardisierten Gyms wie McFit und abends wird Netflix geschaut. Wir sehen also eine Aneinanderreihung von rationalisierten Institutionen, die alle die Prinzipien eines modernen Fast-Food-Restaurants aufweisen dessen Prinzipien verstärkt in verschiedenste Aspekte unseres Lebens hereinragen. Nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch unsere Freizeitaktivitäten werden mittlerweile also von einem Diktat von Regeln, Vorschriften und einer Vorhersehbarkeit bestimmt.
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McDonaldisierung und Innenstädte

Ein weiterer und ein vergleichsweise plakativer Aspekt der McDonaldisierung sind die immer gleichförmiger werdenden Innenstädte. Alleine in Berlin gibt es mittlerweile fast 70 Malls (5), in denen die immer gleichen Ladenketten ein standardisiertes Produktsortiment anbieten. Daher sind die deutschen Innenstädte immer vorhersehbarer und auf Effizienz ausgerichtet worden. Der Kunde soll mit dem Auto ins nahe gelegene Parkhaus fahren und nach der Erledigung der Einkäufe schleunigst wieder verschwinden. Auch die Öffnungszeiten sind in allen Innenstädten nahezu dieselben. Nicht nur die Malls am Stadtrand, sondern nahezu jede deutsche Großstadt bietet mit ihrem mcdonaldisierten Einzelhandel somit ein vorhersagbares, kalkulierbares und gewinnmaximierendes und demnach eine durch und durch standardisierte Umwelt an.

Natürlich entsteht so ein Umfeld, dass die Komplexität unserer unübersichtlichen Gesellschaft minimiert. Bei einem Gang durch die Innenstadt kann man sich darauf verlassen, dass man nicht großartig überrascht wird denn das Sortiment ist stets dasselbe unabhängig davon in welcher Stadt man sich befindet. Doch es gibt auch Nachteile dieser Entwicklung:

Die Menschen bewegen sich somit immer mehr in eisernen Käfigen, in denen man sich nicht mehr außerhalb von Rationalität bewegen kann. Zudem produziert die Rationalität auch Irrationalitäten, wie Verkehrsstaus und Müllberge.

Shoppingcenter. Bild: YouTube

Ferner schwindet durch eine fortschreitende McDonaldisierung nach und nach der inhabergeführte Einzelhandel. Die Schildergasse in Köln beispielsweise wird dominiert von Ladenketten a la Starbucks, Footlooker und co., individuelle Ladengeschäfte gibt es aber kaum noch. Einhergehend mit dieser Rationalisierung der Umwelt ist also auch eine Entfremdung von ebendieser. Die Menschen, die in den Ladenketten der Innenstädte arbeiten, haben die Produkte nicht selbst hergestellt, sondern bieten diese nur noch als Tauschware gegen Geld an. So entsteht keine Verbundenheit mehr zwischen den Mitarbeitern solcher Ketten und den Produkten, die diese anbieten. Ebenso wenig besteht eine Verbundenheit zwischen den Käufern der angebotenen Produkte und den Mitarbeitern der Läden, da diese ja das Produkt nicht selbst hergestellt haben.

Da der Verkäufer der Waren in den Ladenketten auch nicht selbst entscheiden kann welche Waren angeboten werden und zu welchem Preis ergibt sich daraus eine Machtlosigkeit, gegenüber dem Arbeitgeber der meist in Form eines anonymen Weltkonzerns auftritt. Die Arbeit dient also lediglich dem Existenzerhalt, nicht mehr aber dem Erstellen eines Produkts welches mit den eigenen Händen gefertigt wurde. Die Arbeit wird als sinnlos angesehen und eine Selbst-Entfremdung findet statt. Zudem gibt es eine Entfremdung zwischen Kundschaft und Verkäufer, da sich der Barista von Starbucks wohl kaum mit der in Seattle ansässigen Firmenzentrale identifiziert und die Käufer sowie Verkäufer eines solchen Kaffees sich nur noch als unpersönliche Faktoren wahrnehmen (6).
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Fazit

Die moderne Innenstadt ist also ein rationales Gefüge, in dem sich durch die fortgeschrittene McDonaldisierung und die damit einhergehende Entfremdung der Arbeitswelt und der Freizeitaktivitäten vielleicht am plakativsten zeigt. In der Konsequenz sind in vielen Innenstädten die inhabergeführten Geschäfte nach und nach verschwunden und sind internationalen Ketten gewichen. International agierenden Handelsketten oder Fast-Food-Unternehmen geht es dabei weniger um eine Versorgungsverbesserung vor Ort, sondern eher um eine Profitmaximierung. Das Geld, welches also in den deutschen Stadtzentren verdient wird, wandert wieder ab zu den Firmenzentralen. Zudem kam es zu einem Anstieg der Mietpreise innerstädtischer Gewerbeflächen, die sich irgendwann nur noch die großen Unternehmen leisten konnten.

Doch wie kann man dieser Entfremdung entrinnen? Das Rad zurückdrehen ist wohl kaum möglich. Dieser Text soll zunächst zur Beschreibung eines weit fortgeschrittenen Trends dienen, den man schon lange beobachten kann und dessen Bewusstwerdung wichtig ist. Aus diesem Grund kann man eigentlich nur zu einem raten: „Support your local dealer“. Denn niemandem ist geholfen, wenn die zwanzigste Starbucks-Filiale in der Stadt eröffnet. Über ein kleines Cafe um die Ecke, freut sich nicht nur der Besitzer mehr, dadurch, dass er oder sie in einem menschlicheren Umfeld arbeitet. Auch die Bewohner der Innenstädte wissen inhabergeführten Einzelhandel mehr zu schätzen als anonyme und standardisierte Ketten, die zwar nach den Fast-Food-Prinzipien funktionieren denen es darüber hinaus aber an „Seele“ fehlt. Zudem muss noch klargestellt werden, dass dies keine allgemeine Verteufelung davon sein soll, dass die Innenstädte mittlerweile sehr international geworden sind. Doch, wenn es in jeder Innenstadt dieselben internationalen Ladenketten gibt wird dadurch keine Diversität, sondern eher eine Monokultur sichtbar.
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Quellen
(1) George Ritzer: Die McDonaldisierung der Gesellschaft, Konstanz. UKV 2006.
(2) https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/globalisierung/52774/fast-food
(3) George Ritzer: Die McDonaldisierung der Gesellschaft, Konstanz. UKV 2006, S.32 ff.
(4) Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen. Mohr 1980.
(5) https://taz.de/Mall-Sterben-in-Berlin/!5642822/
(6) Das Thema „Entfremdung“ wird in folgender Lektüre detailliert beschrieben: Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte (Hrsg. Barbara Zehnpfennig), Hamburg. Meiner: 2004.

Erstveröffentlichung am 5. März 2020 in „Die Freiheitsliebe“. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers und des Autors.
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Für den Inhalt dieses Artikels ist der Autor bzw. die Autorin verantwortlich.
Dabei muss es sich nicht grundsätzlich um die Meinung der Redaktion handeln.

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