Wenn die Landfresser kommen

Uralte Rituale sind ihr fremd: Wessi (Uisenma Borchu, l.) und Schwester Ossi (Gunsmaa Tsogzol)

F.-B. Habel – 3. März 2020
zur Verfügung gestellt
von AmericanRebel

Zwei mongolische Regisseurinnen stellen ihre neuen Filme auf der Berlinale vor

Die Berlinale zeigt’s: Mongolische Regisseurinnen sind stark im Kommen. Deutschland und die Mongolei – zwei sehr unterschiedliche Kulturen. Und doch hat die filmische Zusammenarbeit der beiden Länder eine durchaus lange, wenn auch keineswegs starke Tradition. Als die einstige Mongolische Volksrepublik noch ein Bruderland der DDR war, drehte die Defa hier in Koproduktion das Märchen »Die goldene Jurte« (1961) und den Indianerfilm »Der Scout« von 1983.

Im Jahr darauf kam Uisenma Borchu in Ulaanbaatar zur Welt. Mit seinen Eltern zog das Mädchen 1988 in die DDR. »Meine Eltern sind beide Nomadenkinder gewesen«, erzählt sie. »Als wir schließlich in die DDR gezogen sind, haben meine Eltern ihr Jurtenleben weitergeführt, in einer ›normalen‹ Plattenbauwohnung.«

Uisenma Borchu wuchs in der, wie sie sagt, »wahnsinnig interessanten Kollision zweier Kulturen« auf, studierte an der Münchner Filmhochschule und gewann für ihre ersten Filme zahlreiche Preise. »Schwarze Milch« ist ihr zweiter langer Spielfilm. Er zeugt davon, wie stark die Regisseurin weiterhin von ihren Wurzeln geprägt ist. Ihre Hauptfiguren sind Schwestern mit den (vielleicht allzu) sprechenden Namen Ossi und Wessi, letztere von der Regisseurin selbst gespielt. Wessi lebt in München in der mittlerweile abgekühlten Beziehung mit ihrem Freund Franz, der sie schon fast als seinen Besitz ansieht. Um Abstand zu gewinnen, besucht Wessi ihre Familie, die in der mongolischen Steppe ein nomadisches Leben führt. Schwester Ossi nimmt sie auf. Bald stellt sich heraus, dass Wessi trotz allen guten Willens, sich einzufügen, nur ein Gast bleibt. Wessi übergeht Traditionen, uralte Rituale sind ihr fremd, aber die Natur wie auch die Milch der Ziegen liebt sie. Und sie verliebt sich in den Nomaden Terbisch. Die Beziehung der beiden Schwestern wird auf harte Proben gestellt.

Einen ganz anderen Zugang zum Nomadenleben in der Mongolei fand Byambasuren Davaa mit ihrem Film »Die Adern der Welt«. Hier bricht die westliche Welt nicht durch eine Verwandte ein, sondern durch die geballte Kraft internationaler Konzerne, die die Bodenschätze ohne Rücksicht auf Natur und Menschen plündern wollen. Die Autorenfilmerin stellt den zwölfjährigen Nomadenjungen Amra in den Mittelpunkt, der morgens von seinem Vater zur Schule gefahren wird und sich abends gern mit den Schafen und Ziegen befasst. Da er aber auch Youtube-Videos sieht, wünscht er sich, bei der regelmäßigen Talenteshow von Mongol-TV (Koproduzent des Films) dabei zu sein. Er liebt die traditionellen Lieder seiner Vorfahren und will damit den Wettbewerb bestreiten. In dem Steppenland, in dem die Jurte von Amras Eltern steht, rücken die Landfresser, die die Goldadern ausbeuten wollen, näher und näher. Amras Vater gehört zu denen, die sich aktiv dagegen zur Wehr setzen. Als er verunglückt, bringt sich Amra in eine lebensgefährliche Situation.

Tatsächlich werden unter der Erde der Mongolei Bodenschätze im Wert von ein bis drei Billionen US-Dollar vermutet. Mongolische Politiker haben gemeinsam mit Minenunternehmen – viele davon in ausländischer Hand – Gesetze geschaffen, die den Bergbau erleichtern. Auch Bundeskanzlerin Merkel bekundete im Zusammenhang mit einem Mongolei-Besuch das deutsche Interesse, hier Rohstoffvorkommen auszubeuten. Beim industriellen Goldabbau entsteht eine Menge Sondermüll, dessen Verbleib unzureichend geregelt ist. Mittlerweile ist ein Fünftel der Mongolei für den Rohstoffabbau in Großminen ausgewiesen. Hunderte Seen, Flüsse und Quellen – wichtiger Bestandteil des Lebensraums der Nomaden – sind bereits versiegt oder durch Giftstoffe verseucht. Das ist der Hintergrund des Spielfilms, dessen Produktion durch Drehverbote behindert wurde.

Die 1971 geborene Byambasuren Davaa, die als Moderatorin beim mongolischen Staatsfernsehen begann, in Ulaanbaatar ihr Filmstudium aufnahm und später in München fortsetzte, gilt als wichtigste Regisseurin der Mongolei. Diesen Ruf begründete sie mit der deutsch-mongolischen Koproduktion »Die Geschichte vom weinenden Kamel« (2003), einem Dokumentarfilm über eine Nomadenfamilie, der neben anderen internationalen Preisen auch eine Oscar-Nominierung erhielt. Um so erstaunlicher, dass es ihr sehr schwer gemacht wurde, ihren ersten Spielfilm zu finanzieren. Ohne den energischen Einsatz der RBB-Redakteurin Cooky Ziesche, so die Produzenten, hätte der Film nicht realisiert werden können. Er wird auch bald regulär in die deutschen Kinos kommen.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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