Wem nützt der Krieg um Berg-Karabach?

Roter Morgen – 7. Oktober 2020

„Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer.“ Wusste angeblich schon der griechische Dichter Aischylos, der 525 vor Christus gelebt haben soll. Gemeint ist, dass man bei Kriegsberichtserstattungen keiner der kriegsführenden Parteien Glauben schenken kann, weil ihre Berichterstattung ein Teil der psychologischen Kriegsführung ist.

So ist auch sehr schwer einzuschätzen, was hinter dem blutigen Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Provinz Berg-Karabach steckt. Zumindest haben noch Dritte (und Vierte) starke Interessen an den militärischen Auseinandersetzungen.

Bekanntlich ist der Iran der Hauptfeind von Israel und den USA, den zwei derzeit aggressivsten Staaten auf der Weltbühne. In der Vergangenheit gelang es beiden bereits, Araber, Belutschen und Kurden für ihre Ziele einzuspannen. Jetzt fördert man den aserbaidschanischen Chauvinismus und bekommt sogar den großtürkischen Chauvinismus Erdogans auf seine Seite, trotz seiner Worte um die Solidarität zu Palästina und seinen Konflikten mit den USA um Syrien und dem Prediger Gülen. Die Eroberung von Berg-Karabach durch Aserbaidschan soll die Gelüste auf mehr, auf die aserbaidschanischen Gebiete im Norden Irans fördern.

Die Kämpfe in Berg-Karabach dauerten am Mittwoch, den 7. Oktober, den elften Tag lang an und lassen keine Anzeichen einer Verlangsamung erkennen. Die Türkei wurde beschuldigt, im Namen der Aseris in die Kämpfe einzugreifen, wobei Armenien behauptet, Ankara setze das US-Mehrkampfflugzeug F-16 ein, um armenische Kampfjets abzuschießen. Die Türkei bestreitet den Vorwurf. Berichten zufolge soll Ankara seinem Verbündeten noch auf andere Weise geholfen haben, indem es islamistische Söldner aus Nordsyrien in die Region schickte, um Aserbaidschan zu unterstützen. Israel, das sich so eindringlich auf den Holocaust beruft, will anscheinend den türkischen Völkermord an den Armeniern vollenden.
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Die vermeintlichen Friedensstifter

Was passiert, wenn in einem Konflikt die potenziellen Vermittler zu Profiteuren werden? Wenn sie am Krieg mitverdienen? Dann eskaliert der Konflikt immer wieder und wieder – so wie derzeit im Kaukasus.

Die Türkei beispielsweise könnte ja auch mäßigend auf ihr „Brudervolk“ in Aserbaidschan einwirken, damit sich der Konflikt um Berg-Karabach nicht ausweitet. Ankara zündelt aber lieber. Vor Kurzem erst hielt die türkische Armee Militärmanöver mit Baku ab, ermunterte die Aseris zum Waffengang und bedrohte selbst Armenien.

Überall, wo die Türkei unter Präsident Erdogan als vermeintlicher Friedensstifter auftritt, ist der Krieg nicht weit: im Kaukasus, in Syrien, in Libyen. Erdogan schickt Kriegsschiffe gegen Griechenland, schert sich nicht um die Bündnissolidarität in der NATO oder internationales Recht. Sein Ziel: aus der Türkei eine unabhängige Regionalmacht zu machen, notfalls mit Gewalt. An einem dauerhaften Frieden im Kaukasus hat der Faschist Erdogan jedenfalls kein Interesse.
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Kein Interesse an einer politischen Lösung

Um Einfluss – oder dessen öffentlichkeitswirksame Demonstration – geht es auch dem kapitalistischen Russland. Der Kreml könnte Armenien von unnötigen Provokationen abhalten, etwa davor, christliche Flüchtlinge aus Syrien in Berg-Karabach anzusiedeln. Moskaus Einfluss auf Jerewan ist kaum zu überschätzen. Jede armenische Regierung weiß: Ohne den Schutz des großen Bruders aus Moskau ist die Sicherheit des Landes nicht zu gewährleisten.

Der Deutsche-Welle-Chefkorrespondent Miodrag Soric berichtete vor ein paar Tagen: „Russland liefert nicht nur Waffen an Armenien, es hat dort auch Tausende Soldaten stationiert. Dennoch hat Moskau kein Interesse an einer politischen Lösung des Problems um Berg-Karabach. Es will den Status quo beibehalten, gute Beziehungen pflegen zu Jerewan und Baku. So kann es sich bei Konflikten immer wieder als Großmacht stilisieren (…)„.

Und weiter schreibt er: Patriotismus betäubt die Sinne. Aserbaidschans Präsident Alijew etwa hat immer wieder angekündigt, die Wirtschaft zu modernisieren, die Korruption zu bekämpfen. Passiert ist wenig. Aserbaidschan bleibt auf die Ausfuhr von Erdöl und Erdgas angewiesen. Im Zuge der Pandemie sind die Rohstoffpreise weltweit gefallen. Aserbaidschan verdient mit dem Export also weniger Geld, der Staatshaushalt befindet sich in Schieflage. Die Kaufkraft sinkt, die Unzufriedenheit der Bürger wächst – auch weil die Regierung mit Kampf gegen die Pandemie überfordert ist. Der Waffengang gegen Armenien lenkt ab, verschafft Alijew Zeit. Patriotismus macht zwar nicht satt, doch er betäubt die Sinne„.

Der wieder aufgeflammte Krieg um Berg-Karabach ist eine Niederlage der Diplomatie. Den sogenannten „Westen“ interessiert das Problem nur am Rande. Die USA haben sich als globale Ordnungsmacht zurückgezogen. Die EU als Interessenvereinigung des europäischen Kapitals ist mal unfähig, mal unwillig diese Rolle zu übernehmen. Und so zahlen letztlich die einfachen Menschen im Kaukasus den Preis dafür, dass sich niemand für sie verantwortlich fühlt.
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Anhang:

Hintergrundvideo von arte

Quellen:
– ORF
– Kleine Zeit
– antiwar
– arte

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Dieser Artikel erschien erstmals heute oder vor ein paar Tagen in ROTER MORGEN.
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