Volkskrieg in Indien

Kämpfe, Aufstände und Demonstrationen inIndien. Zeichnung von Ernst Aust †.

Das indische Volk befindet sich im Kampf. Immer wieder treffen begeisternde Kriegsberichte und Siegesmeldungen bei uns ein. Sei es am Ganges, in Kerala, Bombay, Kalkutta oder Assam; Das Redaktionskollektiv ROTER  MORGEN hat in dieser Sondernummer die Entwicklung des Befreiungskampfes der Völker Indiens in den mehr als zwanzig Jahren kurz dargestellt und analysiert am Schluß die derzeitige Lage und gibt einen Ausblick für die zukünftige Entwicklung dieses Volkskrieges.

Zeitdokument
»Die Welt vor 50 Jahren« – 20. Mai 2019 (Erstveröffentlichung in ROTER MORGEN, Mai 1969)

Autor: Ernst Aust †

Der historische Aufstand von Telengana

„Die grausame wirtschaftliche Ausbeutung und politische Unterdrückung der Bauernschaft durch die Grundherrenklasse zwangen die Bauern immer wieder zu Aufständen, die sich gegen die Herrschaft der Grundherrenklasse richteten … In der chinesischen Feudalgesellschaft war es nur dieser Klassenkampf der Bauernschaft, waren nur diese Bauernaufstände und -kriege die wahren Treibkräfte der historischen Entwicklung“.

Mao Tse-tung

Die indische Union ist ein großes halbkoloniales und halbfeudales Land mit einer Bevölkerung von rund 500 Millionen Menschen, von denen die große Mehrheit Bauern sind. Die ländlichen Gebiete, wo die reaktionäre Herrschaft schwach ist, gaben schon immer den Revolutionären die Möglichkeit, in den weiten Gebieten frei manövrieren zu können. Ähnlich wie heute in Indien, so war auch vor über dreißig Jahren in China die Situation, nur mit dem Unterschied, daß China damals eine revolutionäre marxistisch-leninistische Partei besaß, während es in Indien heute so eine Partei noch nicht oder nicht mehr gibt.

Das berühmte traditionelle Aufstandsgebiet Telengana liegt in Südostindien im Norden des Bundesstaates Andhra Pradesh. Das Aufstandsgebiet umfaßt rund 44 000 Quadratmeilen und mehr als 10 Millionen Einwohner. Das landwirtschaftlich genutzte Land gehört hier zur Hälfte den Feudalherren und Aristokraten, die andere Hälfte den großen Gutsbesitzern. Weit mehr als 50 Prozent der armen Bauern verfügt über kein eigenes Land.

Schon zu der Zeit, da der britische Imperialismus Indien noch direkt kontrollierte, griffen in den dreißiger Jahren und kurz nach 1940 die armen Bauern dieses Landstrichs zu den Waffen. Berühmtheit erlangte Telengana jedoch erst, als hier 1946 bis 1951 die Flamme der Revolution den Subkontinent erleuchtete. Der bewaffnete Kampf begann im Juni 1946 in Shayapet, Kreis Nalgonda. Unmittelbarer Anlaß dazu war die Ermordung eines Funktionärs der revolutionären Massenorganisation  Andhra Mahasabha. Welche damals mehr als 100 000 Mitglieder hatte und von der KP Indiens geführt wurde. Empört erhoben sich, angeleitet von den Revolutionären der KPI, die Bauern und eroberten Land und Waffen der Unterdrücker. Rasch griff der Aufstand um sich. Im ganzen Gebiet waren bald bewaffnete Partisanenkräfte aufgestellt und Komitees der Dorfbevölkerung gebildet. Der Nizam von Hyderabad, ein feudaler Herrscher, zu dessen Machtbereich damals Telengana gehörte, zog Truppen von mehr als 30 000 Mann zusammen und versuchte, die befreiten Gebiete zu zerschlagen, konnte jedoch gegen die Macht des Volkskrieges nichts ausrichten.

Kämpfe, Aufstände und Demonstrationen inIndien. Zeichnung von Ernst Aust †.

Schon Ende 1947 hatte sich dieser Aufstand steppenbrandartig auf über 300 Dörfer ausgedehnt. Die dortigen Kräfte der KP reihten sich entschlossen in die Streitmacht der Bauernguerillas ein und schlugen denselben Weg ein, den auch die chinesischen Kommunisten seinerzeit beschritten hatten. Im September 1948 umfaßte das befreite Gebiet rund drei Millionen Menschen in etwa 3000 Dörfern, die Guerillaverbände bestanden aus über 2000 Mann und die Miliz verfügte über 10 000 Kämpfer. Eine Bodenreform wurde durchgeführt und eine Million Morgen Land den Gutsbesitzern abgenommen und an die Bauern vergeben. Zum erstenmal in ihrer Geschichte waren indische Bauern frei und das reaktionäre Feudalregime bis in die Grundfesten erschüttert. Im Herbst 1948 war der Nizam in höchster Gefahr und Nehru, der seine Hilfe bisher auf Waffen und Munition beschränkt hatte, schickte um mehrere zehntausend Mann seiner Unionstruppen nach Telengana, wo sie ein Blutbad anrichteten. Mehr als eine Million unschuldiger Bauern wurde widerrechtlich festgenommen und gefoltert, viele von ihnen ermordet.

Da die Aufständischen noch wenig Erfahrung in der Organisation ihrer Kräfte hatten, konnten sie vorerst unterdrückt werden. Ein Teil von ihnen nahm jedoch den Kampf wieder auf, ein anderer operierte vom Dschungel aus. Währenddessen entstanden neue Kampfgebiete in den Küstenregionen des Staates Andhra. Nach dem Blutbad der Unionstruppen gingen die Partisanen nun beweglich vor. Sie überfielen Feindtruppen aus dem Hinterhalt, zerstörten Fahrzeuge, besetzten kurzfristig Munitionslager und Polizeistationen. Allein von Oktober bis Dezember 1950 unternahmen sie 344 Aktionen dieser Art. Während dieser Zeit hatten die Partisanen im Kreis Karimnagar ständige Verbindung zu den Volksmassen in rund 300 Dörfern.

Ein neues großes Partisanengebiet von 40 000 Quadratmeilen und einer Bevölkerung von 10 Millionen Menschen wurde im Oktober1950 in Telengana und Nord-Madras errichtet. Parallel zum Telengana-Aufstand kämpften 1946 bis1951 aber noch in anderen Teilen Indiens die revolutionären Bauern, so z.B. in West-Bengalen, Uttar, Pradesh, Kerala, Tripura, Manipur und im Garo-Gebirge in Assam. Diese Kampfgebiete hatten aber nur lokale und zeitweilige Bedeutung, das Zentrum der Bauernrevolution blieb Telengana. Wie in allen revolutionären Bewegungen, kam es auch in der Aufstandsbewegung von Telengana zu einem harten Kampf zwischen zwei Linien innerhalb der KP Indiens und der Guerillas. Im September 1950 verleumdeten die Revisionisten den revolutionären Weg des indischen Volkes und die großartigen Lehren des Genossen Mao Tse-tung. Dies taten sie auch 1951 in einer öffentlichen Erklärung. Aber schon früher traten diese Konterrevolutionäre offen auf. Besonders der berüchtigte Arbeiterverräter innerhalb der KPI, S.A.Dange, war von Anfang an gegen den bewaffneten revolutionären Kampf der Bauernmassen. Er faselte mit seinen Konsorten solche Unsinnigkeiten über die Aufständischen wie „Abenteurertum“ und „individualistischen Terrorismus“. Man braucht aber nur Genossen Maos glänzende Schrift „Untersuchungsbericht über die Bauernbewegung in  Hunan“ zu studieren, um den Sinn und Zweck dieser Phrasen zu erkennen. „Das Volk und nur das Volk ist die Triebkraft, die Geschichte macht“ (Mao). Dange und die anderen Renegaten der KPI planten, den Volkskrieg zu verraten, um sich persönliche Vorteile zu verschaffen.

Im Juni 1951 ließ das von den Revisionisten kontrollierte ZK der KPI eine Resolution zur Beilegung des revolutionären Kampfes von Telengana vom Stapel. Sie ersuchten die indische Zentralregierung offen um Verhandlungen, um „in Telengana friedliche Zustände wiederherzustellen“. Im Juli entsandten diese Revisionisten eine Delegation nach Hyderabad, um mit dem Nizam zu verhandeln. Ihren Friedensvorschlägen entsprechend sollte die Regierung den Bauern kein Land wegnehmen und eine Amnestie für die Partisanen verkünden. Aber selbst diese billigen Angebote wies das Regime von Hyderabad zurück. Im Oktober 1951 verkündete dann das ZK der KPI einseitig die Kapitulation. So wurde der bewaffnete Kampf der revolutionären Bauern von Telengana schamlos verraten. Die Folge davon war die Ermordung und Einkerkerung unzähliger revolutionärer Bauern durch die Reaktionäre. Der hoffnungsvolle Anfang des Aufschwungs der indischen Revolution war damit verraten.

Sharing is caring!

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*