Der „Gorbi-Hilf-Irrtum“ (Teil 27 der Leseprobe aus „AUSBRUCH AUS DER STILLE“ von Harry Popow)

Buch-Cover Ausbruch aus der Stille von Harry Popow - Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Harry Popow – 24. November 2018

Leseprobe aus „AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder“ anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949.

Der Autor Harry Popow wurde 1936 in Berlin-Tegel geboren, wuchs in der DDR auf, arbeitete als Militärjournalist im Dienstgrad Oberstleutnant in der NVA und betätigt sich heute als Blogger, Buchrezensent und Autor. Er ist seit 1961 sehr glücklich verheiratet.
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Der „Gorbi-Hilf-Irrtum“

Der 6.10.89 – Gorbatschow kommt nach Berlin zu den Festlichkeiten anlässlich des 40. Jahrestages der DDR. Wie üblich soll Spalier gestanden werden. Diesmal gehen die Bürger freiwillig zu Hunderttausenden mit Herzensfreude und großer Hoffnung auf die Straße. Den Fernsehmitarbeitern wurde ein Stellplatz in Schöneweide, in der Nähe des S-Bahnhofs, zugewiesen. Kurz bevor „Gorbi“ kommt trägt ein Jugendlicher ein Schild mit der Forderung nach einer Perestroika auch in der DDR. Er wird festgehalten, von der Straße gezerrt, auf dem Bürgersteig von Sicherheitsleuten umringt, befragt, abgeführt. Ein Kollege seiner Abteilung packt ebenfalls dienstbeflissen zu. Henry ist schockiert. Er schämt sich für seinen Genossen. Es ist um ihn herum eine fremde, eisige Welt geworden, und auch er steht ja bereits am Pranger. Was soll bloß werden?

Der letzte Nationalfeiertag der DDR, der 7.10.1989. Schulze-Boysen-Straße. Die Luft brennt. Wenige hängen die rote Fahne und die DDR-Fahne noch hinaus. Am späten Nachmittag sitzen Cleo und Henry im Restaurant „Zu den Historischen Weinstuben“ im Nikolaiviertel. An Nebentischen Westjournalisten im lebhaften Disput verwickelt. Auf dem Alex muss es heute Prügelszenen seitens der Polizei gegeben haben. Es brodelt, man sitzt wie auf Kohlen, schließlich sind auch die Kinder der Popows unterwegs. Es ist heute alles anders wie sonst. Statt Feierlichkeit – Umbruchstimmung, Aufbruch, aber wohin?

Erich Honecker muss von allen Ämtern zurücktreten. Statt seiner übernimmt Egon Krenz die Führung. Große Erleichterung. Wird nun vieles besser? Wird der Regenbogen wieder für alle sichtbar strahlen? Auch Henry hofft es. Doch um seine Parteistrafe kommt er nicht herum. Die alte Garde zieht ihre Fäden, wie gehabt. Versammelt hat sich die Grundorganisation der SED der Führung des Fernsehens. Vier Tage nach der Machtübernahme durch Krenz. Eine klare politische Haltung wird von ihm erwartet – zur Flucht seiner Tochter. Die hat er: Henry versteht diese als eine Abkehr von der DDR, vom Sozialismus. Aber was ist aus dem humanistischen Anliegen geworden? Fehlkalkulationen! Erstarrungen im System! Gerade deshalb begreift er die Gründe, weshalb es so viele junge Menschen hinaustreibt aus der Republik. Abgesehen davon, dass Tochter Patricia nur deshalb mit ihrem Freund wegging, weil sie ihn liebt. Das sagt er seinen Genossen. Konkret und selbstbewusst. Punktum und Schluss. Schweigen in der Runde. Die Parteisekretärin bricht es als erste: Der Genosse Popow sei arrogant, keine Reue, keine innere Einkehr zeige er. Ein Mitarbeiter der Beratergruppe springt für Henry in die Bresche: Er sei stets klassenbewusst, leiste eine gute politische und fachliche Arbeit. Einige seiner unmittelbaren Mitstreiter sowie Brigitte, die gute Seele der Beratergruppe – sie verstehen ihn – das spürt er, aber sie stehen zwischen angeblicher Pflicht und Kür, zwischen Baum und Borke. Wieder Schweigen. Plötzlich ein Angriff aus der hintersten Reihe von einem Mann, den er nur vom Sehen her kennt: Ob es denn in der Popow-Familie genügend Nestwärme für die abgehauene Tochter gegeben hätte …? Henry lächelt still in sich hinein, nimmt es dem anderen nicht übel, der kennt doch seine Familie gar nicht … Da gibt es nur eines, links liegen lassen, nicht reagieren. Parieren musste er allerdings folgenden Hieb: Es ging um den Briefverkehr mit der geflüchteten Patricia. Leider klare Sache für den Vater – er darf als Mitarbeiter einer militärischen Beratergruppe keine Westkontakte haben. Doch seiner Frau und den Geschwistern – denen könne er diese nicht verbieten. Empörte Gegenfrage: Ob ihm denn nichts an seiner weiteren Karriere liege? Henry kontert: Nein, seine Familie liege ihm mehr am Herzen als eine „Karriere“, die er als Fünfzigjähriger ohnehin nicht mehr anpeile, niemals angepeilt habe… Indessen heben sich nach der „Aussprache“ die Hände: Eine Rüge für Popow! Doch das sollte noch nicht das letzte Wort sein …

Etwa vier Wochen später. Die gesellschaftlichen und politischen Turbulenzen überstürzen sich im Lande. Nichts geht mehr. Von der Opposition „abgestraft“ wird die einstige Führungsriege. Was ist da schon ein „Vergehen“ von Henry Popow gegen die Machenschaften des Politbüros! Das Volk ist zutiefst verletzt und empört. Akten werden vernichtet, Lebensläufe vom politischen Beiwerk befreit. Grotesk: Henrys Parteistrafe wird gelöscht. Wieder heben nahezu alle Genossen ihre Hände – eine Gegenstimme!

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Zum Inhalt

Ausgangssituation ist Schweden und in Erinnerung das Haus in Berlin Schöneberg, in dem die Ziebells 1945 noch wohnen. Der Leser erfährt zunächst, wer die Eltern waren (seine Mutter stammt aus Moskau), berichtet kurz vom Evakuierungsort 1943/44 in Pommern, von der Rückkehr in das noch unter Bombenhagel liegende Berlin (Schöneberg), von den Eindrücken nach Kriegsende und vom Einleben in der neuen Gesellschaft, dabei auch von einer Begegnung der Jungen Pioniere mit Wilhelm Pieck.

Die Lehrzeit wird skizziert mit der Arbeit im Zwickauer Steinkohlenrevier, mit Tätigkeiten in der Geologischen Kommission der DDR und mit dem Besuch der Offiziersschule der KVP/NVA in Erfurt und in Plauen, wo er seine spätere Frau kennenlernte.

Wie lebt ein junger Offizier in der Einöde im Nordosten der DDR, welche Gedanken und Gefühle bewegen ihn? Darum geht es in den nächsten Aufzeichnungen seiner Impressionen. Seine Träume führen ihn mitunter weg vom Kasernenalltag und so nimmt er die Gelegenheit wahr, für fünf Monate im Walz- und Stahlwerk Eisenhüttenstadt als einfacher Arbeiter tätig zu sein.

Durch Versetzungen gelangt er nach Potsdam. Dabei kommen Querelen des Alltags als Ausbilder und später als Politoffizier nicht zu kurz. Ein Glücksfall für ihn, als er nach Neubrandenburg in einen höheren Stab als Redakteur berufen wird. Er beginnt ein Fernstudium als Diplomjournalist an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Inzwischen ist er längst glücklich verheiratet. Die Höhen und Tiefen eines Militärjournalisten – die zwingen ihn, vieles neu zu überdenken. Vor allem als einstiger Ausbilder gelingt es ihm, die Probleme der Soldaten immer besser zu verstehen und sie bildhaft zu schildern.

Die spätere Arbeit als Abteilungsleiter in der Wochenzeitung „Volksarmee“ macht ihm nicht nur Spaß, er nimmt auch Stellung gegen Ungereimtheiten, was ihm nach der Entlassung aus dem aktiven Armeedienst und der Tätigkeit als Journalist im Fernsehen der DDR nicht nur böse Blicke einbringt. So fährt er im September 1989 seiner Tochter nach Ungarn hinterher, um herauszukriegen, weshalb sie mit ihrem Partner abgehauen ist; er gibt ihr dabei das Versprechen, sie in keiner Weise als Tochter zu verurteilen. Nach seiner Rückkehr wird er mit einer Parteistrafe gerügt, die Wochen später angesichts der vermeintlichen Verstöße und Fehler durch die Politik nicht mehr relevant scheinen und wieder gestrichen wird. Auf Unverständnis stößt er auch bei seinen Mitarbeitern, als er nach der Teilnahme an der Dokumentarfilmwoche1988/89 in Leipzig angeblich nicht die erwarteten Schlussfolgerungen zieht.

Nach der Wende: Versuche, arbeitsmäßig Fuß zu fassen, u.a in Gran Canaria und in einer Steuerfirma. Die Suche nach Alternativen, günstiger zu wohnen, sowie die Sehnsucht nach Ruhe führt das Ehepaar nach Schweden.

Episoden aus dem Dorfleben und von vielen Begegnungen, so z.B. bei der Geburtstagsfeier einer siebzigjährigen Schwedin, machen den Alltag und die feierlichen Momente in der „Stille“ nacherlebbar. Keine der in der DDR erlebten Widersprüche und politischen Unterlassungssünden wirft den überzeugten Humanisten aus der Bahn, wogegen die Kapitaldiktatur mit ihren hörigen Medien, politische Manipulationen und Lügen im angeblich so demokratischen Deutschland ihn aufbringen – er bleibt ein Suchender!

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Empfehlung Info-Welt:

Harry Popow: AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder in Umbruchzeiten. © Copyright by Harry Popow, Verlag: epubli, Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin, Erscheinungsdatum 18.02.2019, ISBN: 9783748512981, Seiten: 500, Preis: 26,99 Euro

 

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Über Harry Popow 31 Artikel
Geboren 1936 in Berlin Tegel, erlebte Harry Popow (alias Henry) in seinem Buch „Ausbruch aus der Stille“) noch die letzten Kriegsjahre und Tage. Ab 1953 war er Berglehrling im Zwickauer Steinkohlenrevier. Eigentlich wollte er Geologe werden, und so begann Harry Popow ab September 1954 eine Arbeit als Kollektor in der Außenstelle der Staatlichen Geologischen Kommission der DDR in Schwerin. Unter dem Versprechen, Militärgeologie studieren zu können, warb man ihn für eine Offizierslaufbahn in der KVP/NVA. Doch mit Geologie hatte das alles nur bedingt zu tun… In den bewaffneten Kräften diente er zunächst als Ausbilder und danach 22 Jahre als Reporter und Redakteur in der Wochenzeitung „Volksarmee“. Den Titel Diplomjournalist erwarb der junge Offizier im fünfjährigen Fernstudium an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Nach Beendigung der fast 32-jährigen Dienstzeit arbeitete er bis Ende 1991 als Journalist und Berater im Fernsehen der DDR. Von 1996 bis 2005 lebte der Autor mit seiner Frau in Schweden. Beide kehrten 2005 nach Deutschland zurück. Sie sind seit 1961 sehr glücklich verheiratet und haben drei Kinder, zwei Enkel und zwei Enkelinnen.

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