Spießrutenlauf

 (Teil 26 der Leseprobe aus „AUSBRUCH AUS DER STILLE von Harry Popow

Buch-Cover Ausbruch aus der Stille von Harry Popow - Mit freundlicher Genehmigung des Autors


Leseprobe aus „AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder“ anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949

Der Autor Harry Popow wurde 1936 in Berlin-Tegel geboren, wuchs in der DDR auf, arbeitete als Militärjournalist im Dienstgrad Oberstleutnant in der NVA und betätigt sich heute als Blogger, Buchrezensent und Autor. Er ist seit 1961 sehr glücklich verheiratet.

Harry Popow – 12. November 2019

Spießrutenlauf



Dieses Jahr 1989 scheint in sich zu haben. Es ist September geworden. Die Lage spitzt sich für alle sichtbar zu. Volle Urlaubszüge nach Ungarn – leere zurück! Während für das nächste Parteilehrjahr die Broschüren mit dem Thema „Die führende Rolle der SED“ schon bereit liegen, haut das Volk der DDR ab. Henry und Cleo auf dem Bahnhof Lichtenberg. Der Zug übervoll. Familien, kleine Kinder, Babys. Sie verabschieden ihre beiden Töchter. Henry in der vollen Gewissheit: Unsere kommen zurück! Was Cleo bereits weiß, trifft ihn wie einen Fausthieb. Die Kinder werden bleiben, ganz sicher Patricia und ihr Partner. Er habe Schwierigkeiten mit seiner Druckerei bekommen, keine Druckgenehmigungen mehr, Aufkündigung der Arbeitsräume durch die staatlichen Behörden. Die Tochter hat sich – unter Tränen – ,entschlossen mit ihm zu gehen – aus Liebe! Es bleibt Henry nichts weiter übrig, als das Vorkommnis zu melden.

(…)

 Papa, Papa …

Der neunte September 1989. Ein Sonnabend. Cleo begleitet mich zum Flugplatz. Das ist allerhand, sie zittert vor innerer Aufregung, sie hat Tränen in den Augen, den schönen, aber sie vertraut mir. Ich bin sehr froh darüber. Wer wagt es, unser Glück zu zerstören? Am Terminal eine lange Schlange. Plötzlich höre ich hinter mir: „Dieser Scheißstaat!“ Ich drehe mich um. Da steht ein großer und schlanker junger Mann, kurze Haare, Lackaffengesicht. Sicher einer von der Sorte der bezahlten Provokateure. Man will, dass man darauf reagiert. So ein Idiot! Später steige ich die Gangway hoch und winke zu der Aussichtsplattform hin, schwenke ein orangefarbenes Frottèhandtuch, alle Passagiere winken mit Schals oder Tüchern. Cleo winkt zurück. Henry verschwindet im Bauch des Flugzeuges.

Neben der startbereiten Interflug-Maschine steht eine „Finnair“. Cleo geht niedergeschlagen und heulend zurück ins Flughafengebäude. Plötzlich spricht sie ein finnischer Flugkapitän an: „Warum weinen sie? Haben sie Sorgen? Ausweis dabei? Ich nehme sie mit nach Helsinki!“ Verdattert schaut sie in ein sympathisches Gesicht. Keine Anmache, nur helfen wollen kommt da herüber. „Wieso, wäre denn das möglich?“ fragt sie den Fremden. „Ja, nur schnell junge Frau!“ Ein Bruchteil von Sekunden nur – und ihre Antwort: „Vielen Dank, es wird schon alles wieder. Ich bleibe bei meiner Familie. Sie sind ein mutiger Mann!“ Er geht, dreht sich noch einmal um und lächelt verständnisvoll … So hätte Cleo eins-drei-fix in Finnland landen können – ohne Henry!

Der Flug nach Budapest. Henry hockt wie ein geprügelter Hund auf seinem Sitz. Er grübelt. Eine Idee reift heran. „Wie wäre es, wenn ich bei der DDR-Botschaft, bei der ich mich ja ohnehin melden soll, um eine offizielle Ausreisegenehmigung für Patricia und M. bitte.“ Das hieße, sie kommen mit nach Berlin, erhalten offiziell die Papiere und reisen ganz legal aus, und nicht über den illegalen Fluchtweg Ungarn, denn das fügt der DDR sehr großen Schaden zu. Etwa 13 oder 14.00 Uhr: Landung in Budapest, schreibt Henry später. War noch nie hier. muss mich durchfragen. In der DDR-Botschaft sagt man mir, wie ich zum Malteser-Lager komme. Doch zu meinem „Vorschlag“ gibt es nur ein bedenkliches Kopfschütteln. Wieder einmal fehlgedacht.

Auf zum besagten Lager. Kein Blick für die Stadt. Suche die Bushaltestelle. Im Bus nachdenkliche, ruhige und besoffene Leute. Einer sabbelt gebrochenes Deutsch: „Honni kommt und holt euch alle zurück!“ Ich fühle ringsumher Fremdheit, etwas, was ich weder gedanklich noch gefühlsmäßig voll begreifen kann, bin ein Spielball der schief gelaufenen Geschichte. Ich weiß nur, du musst Patricia finden, ihr paar liebe Dinge sagen, und dann schnell wieder zurück zur Cleo, alles andere kann mir so ziemlich gestohlen bleiben. Am Tor des Malteser-Lagers: Man ist misstrauisch, prüft und wendet meinen Paß und meinen Personalausweis hin und her. Verständlich, haben nach meiner Kenntnis schon andere versucht, hier Leute wieder herauszuholen, auf illegale Art natürlich. Ich versichere, nur meine Tochter sprechen zu wollen. Man zuckt die Schultern in der Aufnahme. Man fragt erstaunt, wieso ich so schnell einen Pass bekommen habe? Ich verweise auf die „Macht“ des Fernsehens. Das sehen die ein. Aber: Bei 2500 Leuten, wie meine Tochter finden? Man versichert, sie suchen zu lassen, inzwischen solle ich an der Anschlagtafel einen Zettel anheften. Die Suchzeilen sollen so abgefasst werden, dass Patricia mich anhand des Inhalts ohne weiteres erkennen könne. 17.00 Uhr. Sitze auf einer Bank am Rande eines kleinen Platzes mit der besagten Wandtafel. Stiere unruhig in die Runde. Wer soll das alles begreifen? Mütter mit Kleinkindern, junge Leute – alles Feinde? Sie kehrten uns den Rücken. Warum nur? Warum machen wir eine so dumme Politik? Ich schäme mich für diese „Arbeiterpolitik“, möchte am liebsten im Boden versinken, bin einfach sprachlos und es schmerzt die Seele. Wo soll das alles hinführen? Und was soll ich tun? Hier auf gut Glück warten? Und wenn der Abend hereinbricht und nichts tut sich? Habe noch keine Übernachtung, morgen werde ich Patricia finden müssen.

Langsam stehe ich auf, nehme meinen kleinen schwarzen Koffer, bin tieftraurig, mutlos. Irgendwo muss der Ausgang aus diesem weitläufigen Lager sein, ich folge einfach einem Weg. Junge Leute stehen Schlange an einer Baracke, vielleicht das Abendessen, denke ich und schlurfe langsam weiter. Plötzlich höre ich hinter mir einen Ruf, der mir durch Mark und Bein geht: „Papa, Papa …!“ Diese Stimme – es die Tochter. Schnurstracks drehe ich mich um. Natürlich, da kommt sie schon auf mich zugestürzt – unsere Patricia!!! Bei der Umarmung sagt sie, ich sei ein Abenteurer, hierher zu kommen. Ich begrüße auch M., ihren Freund, der wohl glaubte, ich würde ihm ernsthafte Vorwürfe machen. Wenig später sitzen wir am Rande eines Fußballplatzes, essen ein wenig, trinken und sprechen über all die Probleme und Sorgen der jungen Leute. Ich versuche zu verstehen, begrüße zwar nicht den Weg über Ungarn, aber das ist nun kein Thema mehr. Inzwischen ist es 21.00 Uhr geworden. Patricia schreibt noch schnell ein paar Zeilen für Mama, dann verabschieden wir uns. Im halbleeren Flughafengebäude wartet ein zermarterter und im Kopf leicht wirrer Vater auf den Rückflug in den frühen Morgenstunden …

Gegen 12.00 Uhr mittags ist Henry wieder bei Cleo.

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Zum Inhalt

Ausgangssituation ist Schweden und in Erinnerung das Haus in Berlin Schöneberg, in dem die Ziebells 1945 noch wohnen. Der Leser erfährt zunächst, wer die Eltern waren (seine Mutter stammt aus Moskau), berichtet kurz vom Evakuierungsort 1943/44 in Pommern, von der Rückkehr in das noch unter Bombenhagel liegende Berlin (Schöneberg), von den Eindrücken nach Kriegsende und vom Einleben in der neuen Gesellschaft, dabei auch von einer Begegnung der Jungen Pioniere mit Wilhelm Pieck.

Die Lehrzeit wird skizziert mit der Arbeit im Zwickauer Steinkohlenrevier, mit Tätigkeiten in der Geologischen Kommission der DDR und mit dem Besuch der Offiziersschule der KVP/NVA in Erfurt und in Plauen, wo er seine spätere Frau kennenlernte.

Wie lebt ein junger Offizier in der Einöde im Nordosten der DDR, welche Gedanken und Gefühle bewegen ihn? Darum geht es in den nächsten Aufzeichnungen seiner Impressionen. Seine Träume führen ihn mitunter weg vom Kasernenalltag und so nimmt er die Gelegenheit wahr, für fünf Monate im Walz- und Stahlwerk Eisenhüttenstadt als einfacher Arbeiter tätig zu sein.

Durch Versetzungen gelangt er nach Potsdam. Dabei kommen Querelen des Alltags als Ausbilder und später als Politoffizier nicht zu kurz. Ein Glücksfall für ihn, als er nach Neubrandenburg in einen höheren Stab als Redakteur berufen wird. Er beginnt ein Fernstudium als Diplomjournalist an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Inzwischen ist er längst glücklich verheiratet. Die Höhen und Tiefen eines Militärjournalisten – die zwingen ihn, vieles neu zu überdenken. Vor allem als einstiger Ausbilder gelingt es ihm, die Probleme der Soldaten immer besser zu verstehen und sie bildhaft zu schildern.

Die spätere Arbeit als Abteilungsleiter in der Wochenzeitung „Volksarmee“ macht ihm nicht nur Spaß, er nimmt auch Stellung gegen Ungereimtheiten, was ihm nach der Entlassung aus dem aktiven Armeedienst und der Tätigkeit als Journalist im Fernsehen der DDR nicht nur böse Blicke einbringt. So fährt er im September 1989 seiner Tochter nach Ungarn hinterher, um herauszukriegen, weshalb sie mit ihrem Partner abgehauen ist; er gibt ihr dabei das Versprechen, sie in keiner Weise als Tochter zu verurteilen. Nach seiner Rückkehr wird er mit einer Parteistrafe gerügt, die Wochen später angesichts der vermeintlichen Verstöße und Fehler durch die Politik nicht mehr relevant scheinen und wieder gestrichen wird. Auf Unverständnis stößt er auch bei seinen Mitarbeitern, als er nach der Teilnahme an der Dokumentarfilmwoche1988/89 in Leipzig angeblich nicht die erwarteten Schlussfolgerungen zieht.

Nach der Wende: Versuche, arbeitsmäßig Fuß zu fassen, u.a in Gran Canaria und in einer Steuerfirma. Die Suche nach Alternativen, günstiger zu wohnen, sowie die Sehnsucht nach Ruhe führt das Ehepaar nach Schweden.

Episoden aus dem Dorfleben und von vielen Begegnungen, so z.B. bei der Geburtstagsfeier einer siebzigjährigen Schwedin, machen den Alltag und die feierlichen Momente in der „Stille“ nacherlebbar. Keine der in der DDR erlebten Widersprüche und politischen Unterlassungssünden wirft den überzeugten Humanisten aus der Bahn, wogegen die Kapitaldiktatur mit ihren hörigen Medien, politische Manipulationen und Lügen im angeblich so demokratischen Deutschland ihn aufbringen – er bleibt ein Suchender!

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Empfehlung Info-Welt:

Harry Popow: AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder in Umbruchzeiten. © Copyright by Harry Popow, Verlag: epubli, Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin, Erscheinungsdatum 18.02.2019, ISBN: 9783748512981, Seiten: 500, Preis: 26,99 Euro

 

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Über Harry Popow 33 Artikel
Geboren 1936 in Berlin Tegel, erlebte Harry Popow (alias Henry) in seinem Buch „Ausbruch aus der Stille“) noch die letzten Kriegsjahre und Tage. Ab 1953 war er Berglehrling im Zwickauer Steinkohlenrevier. Eigentlich wollte er Geologe werden, und so begann Harry Popow ab September 1954 eine Arbeit als Kollektor in der Außenstelle der Staatlichen Geologischen Kommission der DDR in Schwerin. Unter dem Versprechen, Militärgeologie studieren zu können, warb man ihn für eine Offizierslaufbahn in der KVP/NVA. Doch mit Geologie hatte das alles nur bedingt zu tun… In den bewaffneten Kräften diente er zunächst als Ausbilder und danach 22 Jahre als Reporter und Redakteur in der Wochenzeitung „Volksarmee“. Den Titel Diplomjournalist erwarb der junge Offizier im fünfjährigen Fernstudium an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Nach Beendigung der fast 32-jährigen Dienstzeit arbeitete er bis Ende 1991 als Journalist und Berater im Fernsehen der DDR. Von 1996 bis 2005 lebte der Autor mit seiner Frau in Schweden. Beide kehrten 2005 nach Deutschland zurück. Sie sind seit 1961 sehr glücklich verheiratet und haben drei Kinder, zwei Enkel und zwei Enkelinnen.

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