Soldaten für den Frieden (Teil XVI) – Leseprobe aus „Ausbruch aus der Stille…“ von Harry Popow

Buch-Cover Ausbruch aus der Stille von Harry Popow - Mit freundlicher Genehmigung des Autors


Leseprobe aus „AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder“ anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der DDR am 07. Oktober 1949

Der Autor Harry Popow wurde 1936 in Berlin-Tegel geboren, wuchs in der DDR auf, arbeitete als Militärjournalist im Dienstgrad Oberstleutnant in der NVA und betätigt sich heute als Blogger, Buchrezensent und Autor. Er ist seit 1961 sehr glücklich verheiratet.

Harry Popow – 07. Juli 2019

.Schwiegervater Hahn:
„Vom Umtausch ausgeschlossen“

Plauen. 23. Dezember 1961. Hochzeit mit Cleo. Schnee und siebzehn Grad Kälte. Sie im grünen Spitzenkleid. So ein wunderbares Gefühl, nun hat er sie ganz, endlich, seine Liebe und seinen Lebenskamerad für immer. Im Rathaus werden sie getraut. Mama Tamara ist da und die Verwandten von Cleo. Küsse und Tränen, die unvermeidlichen. Oma Gertrud hatte versprochen, sich nicht daneben zu benehmen, und so verhält sie sich – vornehm und zurückhaltend. Essen und Tanz in der Charaktergaststätte „Freundschaft“. Tage vorher hatte Cleos Clique ein Foto von Henry kritisch betrachtet und gewarnt: „Du, der hat so dicke Augenbrauen, der ist böse. Kriegste etwa ein Kind? Egal, mir nehm diech aaa mit Kind!“ Kind war nicht, es war Liebe! Die Hochzeitsgesellschaft stand im Halbkreis, ein Glas Wein in der Hand, in gehobener und fröhlicher Stimmung. Da sprach Schwiegervater Hans, der kluge und feinsinnige Lehrer, lächelnd und im schönsten vogtländisch an Henry und Walter Stoschek, dem Gatten von Jutta gerichtet: „Meine Herren Schwieschersöhne, meine Töchter sind vom Umtausch ausgeschlossen – wiedergebracht werd mir nischt. Prost!“ Hans, das war ein Volltreffer. Alles lachte, prustete. Und keiner wagte es!

Zurück nach Potsdam. Dort wartet eine Überraschung auf ihn. Die Soldaten seines Zuges schenken ihm zur Hochzeit ein Mokkaservice Marke „Oscar Schlegel-Milch“. Cleo und Henry sind gerührt. Das Service wird in Zukunft immer wieder bewundert werden und Henry verweist mit Stolz auf „seine“ Soldaten.

Silvester 1961/62. Bis zum Nachmittag hat er Dienst in der Kaserne. Bevor er abgelöst wird, schweifen seine Gedanken zurück an die wunderbare Hochzeit mit Cleo. Und heute will er mit ihr den Jahreswechsel feiern, zusammen mit seiner Mutter und seinen Geschwistern. Stunde um Stunde vergeht. Was brachte ihm das Jahr 1961? Literaturprüfung in Feldberg mit Gut bestanden. Verlegung der Dienststelle von Eggesin nach Motzen. Schwester Sophia hat geheiratet. Mit Cleo im Elbsandsteingebirge gewesen. Versetzung nach Potsdam in die 1. Mot.-Schützendivision. Verlobung in Plauen …

Zurück in die Gegenwart: Henry ist nach seiner Ablösung endlich zu Hause. Es ist 23.00 Uhr, da klingelt es. Vor der Wohnungstür stehen zwei Unteroffiziere. Sie sagen, der Oberleutnant müsse sofort mit ihnen in der Stadt Potsdam auf Streife gehen. Was? Henry kann es nicht fassen, lässt es sich aber nicht anmerken. Das kann nicht sein, sagt er sich. Er hatte doch bis jetzt Dienst. Daran darf sich kein weiterer anschließen. Das ist laut Vorschrift untersagt. Die Unteroffiziere erklären, der Kompaniechef hätte dies befohlen. Henry fällt ein, eben der war für heute Abend als Streifenführer eingeplant. Aber Befehl ist Befehl. Henry muss in den sauren Apfel beißen. Wie er ihn aber ausführen wird, ist seine Sache. Sein Entschluss: Er klappert mit den zwei anderen Genossen einige Gaststätten ab, kurz vor Mitternacht ist er wieder zu Hause, seine Begleiter mit ihm. Gemeinsam mit Cleo und allen anderen stoßen sie auf das neue Jahr an. Kurz darauf erstattet Oberleutnant Popow dem Standortältesten Meldung: „Keine besonderen Vorkommnisse, Genosse Major!“ Er ist es zufrieden und der Streifenführer darf wegtreten. Dieser Dienst ist damit beendet. Ein arroganter Scheiß seines unfairen Kompaniechefs bleibt es trotzdem. Später stellt sich heraus, des Egoisten Frau kam plötzlich zu Besuch … Ein „Vorgesetzter“ mit Ellbogenmanieren …
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Zum Inhalt

Ausgangssituation ist Schweden und in Erinnerung das Haus in Berlin Schöneberg, in dem die Ziebells 1945 noch wohnen. Der Leser erfährt zunächst, wer die Eltern waren (seine Mutter stammt aus Moskau), berichtet kurz vom Evakuierungsort 1943/44 in Pommern, von der Rückkehr in das noch unter Bombenhagel liegende Berlin (Schöneberg), von den Eindrücken nach Kriegsende und vom Einleben in der neuen Gesellschaft, dabei auch von einer Begegnung der Jungen Pioniere mit Wilhelm Pieck.

Die Lehrzeit wird skizziert mit der Arbeit im Zwickauer Steinkohlenrevier, mit Tätigkeiten in der Geologischen Kommission der DDR und mit dem Besuch der Offiziersschule der KVP/NVA in Erfurt und in Plauen, wo er seine spätere Frau kennenlernte.

Wie lebt ein junger Offizier in der Einöde im Nordosten der DDR, welche Gedanken und Gefühle bewegen ihn? Darum geht es in den nächsten Aufzeichnungen seiner Impressionen. Seine Träume führen ihn mitunter weg vom Kasernenalltag und so nimmt er die Gelegenheit wahr, für fünf Monate im Walz- und Stahlwerk Eisenhüttenstadt als einfacher Arbeiter tätig zu sein.

Durch Versetzungen gelangt er nach Potsdam. Dabei kommen Querelen des Alltags als Ausbilder und später als Politoffizier nicht zu kurz. Ein Glücksfall für ihn, als er nach Neubrandenburg in einen höheren Stab als Redakteur berufen wird. Er beginnt ein Fernstudium als Diplomjournalist an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Inzwischen ist er längst glücklich verheiratet. Die Höhen und Tiefen eines Militärjournalisten – die zwingen ihn, vieles neu zu überdenken. Vor allem als einstiger Ausbilder gelingt es ihm, die Probleme der Soldaten immer besser zu verstehen und sie bildhaft zu schildern.

Die spätere Arbeit als Abteilungsleiter in der Wochenzeitung „Volksarmee“ macht ihm nicht nur Spaß, er nimmt auch Stellung gegen Ungereimtheiten, was ihm nach der Entlassung aus dem aktiven Armeedienst und der Tätigkeit als Journalist im Fernsehen der DDR nicht nur böse Blicke einbringt. So fährt er im September 1989 seiner Tochter nach Ungarn hinterher, um herauszukriegen, weshalb sie mit ihrem Partner abgehauen ist; er gibt ihr dabei das Versprechen, sie in keiner Weise als Tochter zu verurteilen. Nach seiner Rückkehr wird er mit einer Parteistrafe gerügt, die Wochen später angesichts der vermeintlichen Verstöße und Fehler durch die Politik nicht mehr relevant scheinen und wieder gestrichen wird. Auf Unverständnis stößt er auch bei seinen Mitarbeitern, als er nach der Teilnahme an der Dokumentarfilmwoche1988/89 in Leipzig angeblich nicht die erwarteten   Schlussfolgerungen zieht.

Nach der Wende: Versuche, arbeitsmäßig Fuß zu fassen, u.a in Gran Canaria und in einer Steuerfirma. Die Suche nach Alternativen, günstiger zu wohnen, sowie die Sehnsucht nach Ruhe führt das Ehepaar nach Schweden.

Episoden aus dem Dorfleben und von vielen Begegnungen, so z.B. bei der Geburtstagsfeier einer siebzigjährigen Schwedin, machen den Alltag und die feierlichen Momente in der „Stille“ nacherlebbar. Keine der in der DDR erlebten Widersprüche und politischen Unterlassungssünden wirft den überzeugten Humanisten aus der Bahn, wogegen die Kapitaldiktatur mit ihren hörigen Medien, politische Manipulationen und Lügen im angeblich so demokratischen Deutschland ihn aufbringen –  er bleibt ein Suchender, auch nach der Rückkehr im Jahre 2005 nach Deutschland. Als Rentner, Blogger, Rezensent und Autor!

 

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Empfehlung Info-Welt:

Harry Popow: AUSBRUCH AUS DER STILLE. Persönliche Lebensbilder in Umbruchzeiten. © Copyright by Harry Popow, Verlag: epubli, Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin, Erscheinungsdatum 18.02.2019, ISBN: 9783748512981, Seiten: 500, Preis: 26,99 Euro

 

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