Senioren aller Länder vereinigt Euch!

1954 Hertz advertising poster with a Ford rental car, image by Insomnia Cured Here - Flickr.com CC BY-SA 2.0

Wolfgang Honold – 1. Juni 2020

Einst hiess es: „Proletarier aller Länder vereinigt Euch“, und damit ging der Kommunismus pleite. Jetzt geht anscheinend der Kapitalismus pleite und das bekommen natürlich auch die Senioren zu spüren. Der schöne Spruch sollte heute geändert werden auf: „Senioren aller Länder vereinigt Euch“!

 

Was? Der große Autovermieter HERTZ  pleite? So hab ich es kürzlich auf Facebook gelesen. Nun, ich bin an sich kein Freund von Schadenfreude, aber – Leute – eine Träne im Knopfloch werdet Ihr bei mir vergebens suchen. Und ich sag Euch auch gleich warum:

Ich wurde dieses Jahr 84 und bin seit 14 Jahren nicht mehr gut auf Autovermieter zu sprechen. In ihren Broschüren schließen sie Vermietung an Leute 70+ aus. Da frag ich Euch, ist das den älteren Leuten gegenüber keine Unverschämtheit und Respektlosigkeit. Was glauben die eigentlich? Sehen die jeden 70+ als wandelnden Schrotthaufen hinter einem Rollator humpeln? Oder was?

Nehmen wir mal meinen Fall: Mit Schweizer Wohnsitz seit 1967 habe ich natürlich einen Schweizer Führerausweis (der in Deutschland „Führerschein“ genannt wird). Bei uns in der Schweiz besteht seit Jahren ein Gesetz, gemäss welchem Führerausweisbesitzer ab dem 70sten Altersjahr sich alle 2 Jahre einer verkehrsmedizinischen Kontrolle unterziehen müssen, die der Hausarzt vornehmen kann. Das Ergebnis gibt er dann an die zuständige Behörde weiter. Ich habe das erst kürzlich wieder gemacht, und auch dieses Mal meinen Führerausweis ohne Auflagen für weitere 2 Jahre verlängert bekommen. Da muss man sich doch fragen: Wenn eine staatliche Behörde einen auf Grund eines verkehrsmedizinischen Befundes für FAHRTÜCHTIG ansieht, dann sollte man meinen, müssen dies doch auch andere Leute – im vorliegenden Falle die Autovermieter – anerkennen. Oder müssen die erst verstaatlicht werden, um behördliche Maßnahmen anzuerkennen?

Ich bin jedenfalls heute noch vollkommen in der Lage mit meinen 84 Jahren in meinem alten sehr gut erhaltenen Cabriolet am Steuer problemlos die Strecke Zürich-Lissabon (Heimat meiner portugiesischen Frau) von 2200 km in 18 reinen Fahrstunden (mit Tempomat meistens auf 120  – und wo erlaubt 130 km/Std. eingestellt) mit einer Übernachtung in der spanischen Stadt Calatayud – etwa 100 km vor Madrid – zurückzulegen. Warum sollte ich also keinen Mietwagen fahren können? Leider ist die Strecke mit dem Auto momentan keine Option, weil die Staatsgrenzen, die ich von der Schweiz nach Portugal überqueren muss, wegen der Covid-19 Pandemie gegenwärtig noch geschlossen sind.

Eine noch offene Alternative wäre ein Flug von Zürich-Kloten nach Lissabon-Portela Airport. Da angekommen, bräuchte ich dann jedoch einen Mietwagen, der mir dort aber von den Vermietern aufgrund meines Alters trotz einwandfrei gültigem Führerausweis verweigert wird.

Wir älteren Leute sind heutzutage nicht wenige, wie man weiss, und wie auch die Autovermieter wissen könnten. Nach unserer Pensionierung haben viele von uns auch die Zeit und das nötige Geld, um ausgedehnte Ferienreisen zu machen. Warum lassen sich die Autovermieter diese grosse Kundschaft einfach entgehen? Sie schädigen damit ja nicht nur ihr eigenes Geschäft, sondern auch die Hotellerie, Gastronomie, die Golfplätze, usw. usw. des Gastlandes. Für Portugal sind die Einnahmen aus Tourismus ausgesprochen wirtschaftlich lebenswichtig. Zurück zu meinem Fall:

„Die Schnauze gestrichen voll“ habe ich meine Frau seit meinem 70sten Lebensjahr die jährlichen 1 bis 2 Flüge nur noch alleine, d.h. ohne meine Begleitung nach Portugal fliegen lassen. Ich war es davor lange gewohnt, mit einem Mietwagen im Lande herumzufahren, und war jetzt nicht  gewillt darauf zu verzichten und plötzlich nur noch auf (z.T. schlechte) öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. An dieser Einstellung hat sich bei mir bis heute nichts geändert. Daran würde sich erst ab dem Moment etwas ändern, wenn mein schweizer Führerausweis aus verkehrsmedizinischen Gründen von der Schweizer Behörde nicht mehr verlängert würde. In so einem Falle wäre ich ja auch nicht so bescheuert, am Flugplatz in Lissabon – oder wo auch immer – am Schalter eines Autovermieters zu erscheinen.  Von mir aus können sie jetzt alle pleite gehen! Was habe ich und meine Generation von „Gruftis“ dabei noch zu verlieren oder zu gewinnen? Null-komma-rein-gar nichts. Mehr möchte ich zu diesem Thema nicht mehr sagen. Es würde mir nur meine ansonsten immer noch gute Laune rauben.

Diesen Beitrag auf englisch lesen:

“Seniors of the world, unite”!

 

 

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1 Kommentar

  1. Lieber Wolfgang,
    du schreibst, du bist kein Freund von Schadensfreude. Das ist gut, denn das ist eine charakterlose Freude. Aber mich wundert jedoch dein Hinweis, dass der Kommunismus an der Aufforderung „Proletarier aller Länder vereinigt euch“ pleite, sprich insolvent also zahlungsunfähig geworden sein soll. Das bestreite ich. Die Parole ist erstmals im September 1847 in London veröffentlicht worden und hat sich in allen Schriften der Arbeiterbewegung wiedergefunden. Am bekanntesten, als letzter Satz im Kommunistischen Manifest.

    Natürlich ist es eine Frechheit, älteren Menschen keinen Leihwagen mehr anzubieten. Das aber liegt an unserem Gesellschaftssystem, dass nur auf Gewinn und Rendite ausgelegt ist. Interessen der Menschen, ob alt oder jung werden nur berücksichtigt, wenn damit gewinnorientiert agiert werden kann. Dies mag bei einer Autoverleihung aus der Sicht der Kapitalisten nicht so sein. Ganz anders beurteilt dies aber die Pharmaindustrie wenn sie kalkuliert, welche Verdienstmöglichkeiten bei älteren Menschen möglich sind. Dann wirst du zu einer „very important person“ (VIP).

    Das Problem liegt also nicht bei einer Autovermietung, egal wie gut oder schlecht du dein Auto fährst, sondern daran, dass der Kapitalismus in unseren Landen nicht gestürzt wurde und damit weiterhin Gewinn- und Renditeerwartungen Grundlage von Geschäftsprinzipien sind.
    Ich empfehle dir, verfolge unsere Artikel im ROTER MORGEN (www.rotermorgen.eu) und unterstütze uns beim Kampf Klasse gegen Klasse. Dann bist auch du ein Teil der Bewegung, die dies System gewaltsam stürzen wird.

    Heinrich Schreiber
    Redaktion ROTER MORGEN

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