Risikogruppe Dienstleistungsproletariat Subunternehmertum – Corona und die 3,99-Schnitzel

Fleisch: Bild: YouTube

Redaktion Roter Morgen – 28. Mai 2020

Das Geschäftsmodell der sechs großen Fleischkonzerne ist die Ausbeutung. Dass das die Ausbreitung von Seuchen fördert, weiß man schon seit 150 Jahren.

Seuchenausbreitung ist vor allem eine Frage sozialer Verhältnisse, dass wusste schon der deutsch Arzt Rudolf Virchow vor 150 Jahren: lange, erschöpfende Arbeitsschichten, beengte und feuchte Wohnverhältnisse – so war das zu Zeiten der Industrialisierung. Was gern vergessen wird: All das gibt es immer noch, und zwar nicht irgendwo im globalisierten Kapitalismus, sondern mitten unter uns – auch in Deutschland.

Aus dem globalen Lohnnterschieden Profit zu schlagen, gehört zum Businessmodell des neoliberalen Kapitalismus. Arbeitsplätze werden in Billiglohnländer verlagert, aber es läuft auch umgekehrt: Billige Arbeitskräfte werden importiert, um den einheimischen Niedriglohnsektor am Laufen zu halten, so z.B. in der Landwirtschaft, der Fleischindustrie, der Logistik, der Altenpflege und auf dem Bau.

Risikogruppe Dienstleistungsproletariat. Fleischchproduktion bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Die meisten Arbeiter in den Schlachthöfen kommen aus Osteuropa und arbeiten für, oft kriminelle, Subunternehmen. Bild: YouTube

Jörn Boewe schrieb in der Wichenzeitung „der freitag“ am 23. Mai 2020:

„Auf die Spitze getrieben wurde dieses Modell von der Fleischindustrie. Sechs große Konzerne beherrschen den deutschen Markt – zwei Drittel ihrer rund 90.000 Beschäftigten werden aus Osteuropa angeworben, oft von dubiosen Subunternehmern: Zerlegekolonnen, die im Akkord Schwerstarbeit leisten und weder in den Schlachthöfen noch in ihrer desolaten Wohnsituation grundlegende Hygieneregeln einhalten können. Ein Versäumnis? Nein: Das Geschäftsmodell der großen Fleischkonzerne ist genau darauf gegründet. Den politisch Verantwortlichen in Bund und Ländern ist die Situation seit vielen Jahren bekannt. Doch statt verbindliche Schutzstandards zu erlassen, setzte man lieber auf Selbstverpflichtungen der Industrie.“

Und weiter:

„Jetzt ist die Aufregung groß – aber nur, weil plötzlich ganze Landkreise von Ausgangssperren bedroht sind. Ob es zum großen „Aufräumen“ kommt, wie SPD-Bundesarbeitsminister Hubertus Heil angekündigt hat, wird sich zeigen. Denn es geht um viel mehr als nur die besonders widerliche Fleischbranche: Auch auf Großbaustellen, in Agrarindustrie und Logistikzentren drohen weitere Ausbrüche. Deutschlands Dienstleistungsproletariat ist eine Risikogruppe. Wer sich nicht ins Homeoffice zurückziehen kann, auf den überfüllten ÖPNV angewiesen ist oder im Kleintransporter dicht an dicht gedrängt zur Arbeit fährt, steckt sich schneller an. Und natürlich sind jene migrantischen Beschäftigten am übelsten dran, die nach ihrer Zehn- bis Zwölfstundenschicht in „Arbeitsquarantäne“ ihren Feierabend zusammengepfercht in Schlafcontainern und Bruchbuden verbringen dürfen.“

Die Unternehmen der Fleisch- und Fleischwarenindustrie sahne besonders ab. So sicherten sich vor allem die Branchenriesen das größte Stück vom Kuchen. Allein die zehn größten Unternehmen der Branche erwirtschafteten zusammen schon 2017 gut 21 Mrd. Euro Umsatz. Tönnies, Vion und Westfleisch stehen weiter unangefochten an der Spitze des Rankings und sind damit auch die skrupellosesten Ausbeuter der Republik.

  1. Tönnies-Gruppe, Rheda-Wiedenbrück
  2. Vion Food Germany, Hilden
  3. Westfleisch, Münster
  4. PHW-Gruppe, Visbek
  5. Heristo, Bad Rothenfelde
  6. Rothkötter-Gruppe, Haren
  7. Müller-Gruppe, Birkenfeld
  8. Kaufland Fleischwaren, Neckarsulm
  9. Mühlen-Gruppe, Böklund
  10. Sprehe-Gruppe Cappeln

Da kann einem das Messer in der Tasche aufgehen: Kriminelle Sub-Unternehmer locken Beschäftigte aus Osteuropa in deutsche Schlachthöfe, um sie auszubeuten. Viele schuften länger als erlaubt und werden um ihren korrekten Lohn geprellt. Sie ssen in menschenunwürdigen Unterkünften hausen, für die dann auch noch aberwitzige Summen fällig werden, die vom Lohn abgezogen werden. Etliche müssen für ihre Messer oder Schutzkleidung selbst aufkommen, erhalten kein Geld im Krankheitsfall oder werden rausgeschmissen, wenn sie ihre Rechte einfordern.

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Schluss mit der Ausbeutung von Saisonarbeitern und Subunternehmertum!
Der Wert eines Menschenlebens ist nicht verhandelbar!
Alle Kollegen müssen einen regulären Arbeitsvertrag bekommen!
Verbot von Menschenhandel, getarnt als „Arbeitnehmerüberlassung“!


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