Neurowissenschaftler: Es gibt keinen freien Willen

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Gibt es einen freien Willen? Offenbar nicht. Laut Untersuchungen von Neurowissenschaftlern können sie schon elf Sekunden bevor wir etwas auswählen wissen, was wir nehmen werden. Ist unser Gehirn auch nur ein biologischer Supercomputer?

Marco Maier – 20. März 2019

Immer wieder ist vom „freien Willen“ die Rede. Aber es scheint, dass wir möglicherweise weniger Kontrolle über unsere persönlichen Entscheidungen haben, als wir denken. Unbewusste Gehirnaktivitäten scheinen unsere Entscheidungen schon zu bestimmen, bevor wir sie überhaupt kennen und uns dessen bewusst werden.

Forscher des Future Minds Lab der UNSW School of Psychology in Australien waren in der Lage, grundlegende Entscheidungen vorherzusagen, die Teilnehmer getroffen hatten, bevor sie ihre Entscheidungen bewusst verkündeten. Ihre Ergebnisse wurden letzte Woche in der Zeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.

Für das Experiment forderten die Forscher 14 Teilnehmer auf, zwischen zwei visuellen Mustern – einem roten und einem grünen vertikalen Streifen – frei zu wählen, bevor sie sich diese bewusst vorstellten, während sie in einer funktionellen Magnetresonanz-Tomographie (fMRI) beobachtet wurden.

 


Sie hatten maximal 20 Sekunden Zeit, um zwischen den Mustern zu wählen. Nachdem sie eine Entscheidung getroffen hatten, drückten sie einen Knopf und hatten 10 Sekunden, um das Muster so hart wie möglich darzustellen. Als Nächstes wurden sie gefragt, „was haben Sie sich vorgestellt?“ Und „wie lebhaft war es?“

Die Ergebnisse waren beunruhigend. Denn die Wissenschaftler konnten vorhersagen, welches Muster die Menschen wählen würden, bevor ihre Gedanken überhaupt bewusst wurden. Hier eine Erklärung der Ergebnisse aus der UNSW-Pressemitteilung:

Die Forscher konnten nicht nur vorhersagen, welches Muster sie wählen würden, sie konnten auch vorhersagen, wie stark die Teilnehmer ihre Visualisierungen bewerten werden. Mit Hilfe des maschinellen Lernens gelang es den Forschern, im Durchschnitt 11 Sekunden vor dem Bewusstwerden der Gedanken über den Zufall hinausgehende Vorhersagen über die willkürlichen Entscheidungen der Teilnehmer zu treffen.

Die Gehirnbereiche, die Informationen über zukünftige Entscheidungen enthüllten, befanden sich in ausführenden Bereichen des Gehirns, in denen unsere bewussten Entscheidungen getroffen werden, sowie in visuellen und subkortikalen Strukturen, die auf ein ausgedehntes Netzwerk von Bereichen hindeuten, die für die Geburt von Gedanken verantwortlich sind.“

Professor Joel Pearson sagte, wir könnten uns Gedanken auf „Standby“ machen, basierend auf der vorherigen Gehirnaktivität, die dann unsere endgültigen Entscheidungen beeinflusst, ohne dass wir uns dessen bewusst sind:

Wir glauben, dass, wenn wir mit der Wahl zwischen zwei oder mehr Optionen konfrontiert sind, unbewusste Spuren der Gedanken bereits vorhanden sind, ein bisschen wie unbewusste Halluzinationen.

Bei der Entscheidung, worüber nachgedacht werden soll, wählen ausführende Bereiche des Gehirns die Denkspur, die stärker ist. Mit anderen Worten, wenn eine bereits vorhandene Gehirnaktivität mit einer Ihrer Entscheidungen übereinstimmt, wird Ihr Gehirn diese Option wahrscheinlicher wählen, da es durch die bereits vorhandene Gehirnaktivität verstärkt wird.

Dies würde zum Beispiel erklären, warum das Nachdenken über etwas zu immer mehr Gedanken darüber führt, da es in einer positiven Rückkopplungsschleife auftritt.“

Wenn man diese Forschungsergebnisse heranzieht und diese mit früheren Forschungen in dem Bereich kombiniert, stellt man fest: der „freie Wille“ ist so wie man sich das vorstellt eigentlich gar nicht vorhanden. Wir Menschen reagieren auf Umwelteinflüsse und Konditionierungen. Und je älter wir werden, umso vorhersehbarer werden unsere Entscheidungen, da sich diese „Spuren“ früherer Gehirnaktivitäten bereits stärker „eingebrannt haben“.

Das führt auch dazu, dass unsere Gedanken zumindest in diesem Bereich auch „gelesen“ werden können. Das heißt: Es ist mittels unserer modernen medizinischen Geräte möglich, Entscheidungen anderer Menschen zu kennen, bevor sie diese überhaupt aktiv fällen. Und im Grunde genommen sind unsere auf diesen basierenden Daten getroffenen Entscheidungen und Taten nicht unsere „Fehler“, sondern lediglich ein Resultat unserer „Programmierung“.

Wenn man dies versteht erkennt man auch, welchen Ansatz man im Bereich der „künstlichen Intelligenz“ verfolgen sollte, um der „natürlichen Intelligenz“ näher zu kommen. Immerhin scheint diese auch nur ein lernfähiges Programm zu sein – oder einfach auch ein biologischer Supercomputer.

 

 

 

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