Neues vom Fall des Kindes im Müllcontainer – Anwälte der Mutter fordern ihre Freilassung

Recyclingcontainer in dem das Baby ausgesetzt wurde, Lissabon, Portugal - Screenshot YouTube

Im Fall des Neugeborenen, dass von einem Obdachlosen aus einem Müllcontainer gerettet wurde, hat sich inzwischen einiges getan. Die Lissaboner Polizei hat die Mutter des Kindes identifiziert, aufgespürt und verhaftet. Auch der mutmaßliche Partner der 22-jährigen Obdachlosen wurde anscheinend aufgespürt, doch viele Dinge sind noch nicht bekannt. Spekulationen gibt es dafür umso mehr.

Rui Filipe Gutschmidt – 12. November 2019

Ein Fall, der uns bewegt und mit unseren Gefühlen spielt. Es ist unser Beschützerinstinkt, der uns im ersten Moment dazu verführt, die Frau vorzeitig zu verurteilen. Doch obwohl man die Aktion an sich, das Kind ohne Decke oder einen anderen Schutz gegen die Kälte in einen Plastikmüllcontainer zu legen, verurteilen muss, sollten wir uns doch mal die näheren Umstände dieses Falls betrachten.

Was über die Mutter bekannt wurde:

Sara, die Mutter des Kindes ist 22 Jahre jung und lebt seit einiger Zeit auf der Straße. Die Obdachlose, so eine Quelle bei der Polizei, „nimmt keine Drogen und war nicht unter unter Einfluss irgendwelcher Substanzen“, was bedeutet, dass sie „schuldfähig“ war. Laut einem Bericht der Boulevardzeitung Correio da Manhã (CM) und dessen TV-Sender CM-TV, hat sich die junge Frau prostituiert. Doch ist dies nicht nur höchst spekulativ und äußerst unwahrscheinlich, sondern eben typisch Boulevardpresse. Diese verleumnerische Unart gibt es leider auch in Portugal, wo die Journalisten im allgemeinen eine sehr strenge Deontologie befolgen und ein Journalismusideal ihre Arbeit leitet. Doch Correio da Manhã ist eben die Ausnahme von der Regel.

Die junge Frau, so viel sollte man bedenken, hat ihre gesamte Schwangerschaft auf der Straße zugebracht. Ihre Anwälte gaben zu bedenken, dass „niemandem aufgefallen war, dass eine Schwangere in einem Zelt mitten in Lissabon haust“, was tatsächlich verwunderlich ist. Das Zelt, in dem Sara „lebte“ (wenn man das überhaupt so nennen kann) in einer Art Zeltlager für Obdachlose. Es müsste doch regelmäßige Besuche von Sozialarbeitern gegeben haben. Wo war Präsident Marcelo Rebelo de Sousa, als diese Frau Hilfe gebraucht hätte? Man hat sie alleine gelassen. Marcelo, der sich in christlicher Nächstenliebe um die Armen kümmert und die Obdachlosigkeit bis zum Ende seines Mandats beseitigen wollte, hat in der Praxis nichts getan. Nicht für den Retter des Kindes und auch nichts, um die dramatischen Umstände der Geburt und die Panikreaktion der jungen Mutter zu verhindern.

Das Kind „Salvador“ (Retter) noch im Krankenhaus:

Das Kind wird noch einige Tage im Krankenhaus verweilen, obwohl es ihm gut geht. Bis die Behörden entscheiden, was mit dem Säugling geschehen soll, dem die Retter vom Notdienst INEM den Namen „Salvador“ – eben „Retter“ – gegeben hatten (natürlich ist dies nicht der Name des Kindes), bleibt er im Krankenhaus. Das Baby muss noch einen Namen bekommen, wenn feststeht wer das Kind bekommt. Gesundheitlich hat Salvador keinerlei Probleme und es geht einfach darum, dem Baby ein sicheres Umfeld zu geben.

Die Argumentation der Anwälte von Sara:

Inzwischen hat Sara eine Rechtsvertretung, die einfach nur den Mediatismus des Falls nutzen oder von der Botschaft der Kapverden bezahlt werden. Drei Verteidiger von der selben Kanzlei haben also einen „Habeas Corpus“- Antrag gestellt, mit dem sie die sofortige Freilassung ihrer Mandantin fordern. Diese Rechtsfigur wird verwendet, wenn die Anwälte die Verantwortung übernehmen, weil die Inhaftierung ihrer Meinung nach keinen Sinn macht.

Eine Anklage für einen Mordversuch (bis zu 16 Jahre und 8 Monate Haft) macht keinen Sinn und unserer Auffassung nach eine falsche Einordnung dieses Falls. Allenfalls kann hier die Rede von „Aussetzen, verlassen oder Exponierung des Kindes sein“ (etwa 5 Jahre Haft), womit praktisch Kindesvernachlässigung gemeint ist. Dabei ist eine U-Haft, wie es bei einem Mordversuch der Fall wäre, nicht zwingend. „Wenn unsere Mandantin ihr Kind hätte töten wollen, dann hätte sie es ja nur erwürgen müssen“, so einer der Anwälte gegenüber der Tageszeitung JN (Jornal de Noticias).

Wir urteilen und verurteilen oft vorschnell ohne alle Fakten zu kennen. Auch ist unsere Justiz aus Bestrafung ausgelegt. Unsere Demokratie und unser Rechtsstaat sind nicht mehr zeitgemäß und unsere Gesellschaft sollte mehr auf das Helfen und auf die Unterstützung basieren.

Hier geht es zum Ursprünglichen Artikel:

Wenn dies erwünscht wird und sich etwas neues ergibt, dann wird ein Folgeartikel unsere Leser auf dem Laufenden halten.

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1 Kommentar

  1. Eine Schwangere ohne Obdach die ihr Kind nach der Geburt aussetzt oder sterben laesst .
    Eine uralte Geschichte die uns literarisch zum Beispiel im Faust seit Jahrhunderten immer wieder mahnen soll , aber trotz all dieser grandiosen Werke in Oper Literarur und Film hat sich nie etwas geaendert, ob im Mittelalter oder im Heute , vegetiere Menschen unter uns auf der Strasse .Fuer Uns, die wir mit Moral und Teufel paktieren, bleibt immer Gretschen die Schuldige

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