Lieb Vaterland magst ruhig sein

Udo Jürgens. Bild: YouTube screenshot


Udo Jürgens Song von 1971 ist aktueller denn je!

„Lieb Vaterland wofür soll ich dir danken? Für die Versicherungspaläste oder Banken? Und für Kasernen für die teure Wehr wo tausend Schulen fehlen tausend Lehrer und noch mehr!“

Nico Diener – 1. November 2019
zur Verfügung gestellt von ElCantor

Als „Troubadour der milden Mitte“ wurde Udo Jürgens bisweilen bezeichnet. Damit war es allerdings schlagartig vorbei, als er mit dem Lied „Lieb Vaterland, magst ruhig sein“ vor sein Publikum trat. Wie politisch durfte ein westdeutscher Schlagersänger, dessen Aufgabe es doch war zu unterhalten, sein? Und das zur Zeit als der Aufbruch der Studenten und Schüler gegen den „Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ gerade im Abklingen war. Biedermann und Biederfrau nahmen es zur Kenntnis und spekulierten bis hin zur Frage, wieviel ihm wohl das MfS der DDR dafür gezahlt hätte. Der westdeutsche Michel nahm es dennoch gelassen und lies sich sebst von den Versen „Lieb Vaterland, wofür soll ich dir danken / für Versicherungspaläste oder Banken“ nicht ermuntern den Hintern vom Sessel zu bewegen und endlich einmal mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Die fortschrittliche und kämpfende Jugend hatte zu der Zeit andere singende Ideale und nahmen Udo Jürgens Anklage kaum zur Kenntnis.

Aber sie war richtig und man könnte sie ebenso gut auf heute übertragen. Jeder Vers passt wie die Faust aufs Auge! Wir können auch heute noch Udo Jürgends für dieses aufrüttelnde Lied danken und es verbreiten. Seine politischen Lieder schrieb Udo Jürgens übrigens in der Regel gemeinsam mit dem Hausautor des Düsseldorfer Kom(m)ödchens, Eckart Hachfeld. „Lieb Vaterland“ produzierte Ralph Siegel und Eckart Hachfeld schrieb gemeinsam mit Udo Jürgens den Text.

Interessant ist eine eigene Anmoderation von Jürgens, bei einer Live-Veranstaltung in den 70ern.:

„ (…) Um das nächste Lied hat es viel zu viele Diskussionen meiner Meinung nach gegeben, aber wenn ich es weglassen würde, dann könnten sie mit Recht sagen auf der Bühne da traut er sich eben nicht und außerdem, wer a sagt, der muss auch b sagen und wie die Diskussionen um dieses Lied auch gewesen sein mögen – heute Abend hier – bei Ihnen singe ich es erst recht.“

Und noch mehr haben wir dem Udo zu verdanken: Karl-Eduard von Schnitzler widmete fast eine ganze Sendung von „Der Schwarze Kanal“ diesem Lied. Darin analysiert er volltrefflich die Umstände unter und in denen das Lied entstanden ist und betont dabei immer wieder das seine Kritik sich nicht an Jürgens richtet, des zweifellos aufrichtig hinter dem Text stand und ihn in vortrefflicher Weise darbietet. Ich habe diesem Artikel ein Video der Sendung vom 12.04.1974 angefügt und bitte Euch, Euch diese Analyse nicht entgehen zu lassen.

Nun aber endlich zum Lied, mit der Bitte, es weiter zu verbreiten. Viel Freude und neuen Mut für die künftigen Kämpfe, wünsche ich Euch beim zuhören.
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Lieb Vaterland

Lieb Vaterland
du hast nach bösen Stunden
aus dunkler Tiefe einen neuen Weg gefunden
ich liebe dich
das heißt ich hab‘ dich gern
wie einen würdevollen
etwas müden alten Herrn.
Ich kann dich nicht aus heißem Herzen lieben
zu viel bist du noch schuldig uns geblieben
die Freiheit
die du allen gleich verhießen
die dürfen Auserwählte nur genießen.

Lieb Vaterland magst ruhig sein
die Großen zäunen Wald und Ufer ein
und Kinder spielen am Straßenrand
lieb Vaterland!

Lieb Vaterland
wofür soll ich dir danken?
Für die Versicherungspaläste oder Banken?
Und für Kasernen
für die teure Wehr
wo tausend Schulen fehlen
tausend Lehrer und noch mehr!
Konzerne dürfen maßlos sich entfalten
im Dunkeln stehn die Schwachen und die Alten
für Krankenhäuser fehlen dir Millionen
doch unsre Spielkasinos scheinen sich zu lohnen.

Lieb Vaterland magst ruhig sein
die Großen zäunen ihren Wohlstand ein
die Armen warten mit leerer Hand
lieb Vaterland!

Lieb Vaterland
wofür soll ich dich preisen?
Es kommt ein Tag
da zählt ein Mann zum alten Eisen
wenn er noch schaffen will
du stellst ihn kalt
doch für die Aufsichtsräte sind auch Greise nicht zu alt.
Die alten Bärte rauschen wieder mächtig
doch junge Bärte sind dir höchst verdächtig
das alte Gestern wird mit Macht beschworen
das neue Morgen
deine Jugend
geht verloren.

Lieb Vaterland magst ruhig sein
doch schlafe nicht auf deinen Lorbeeren ein!
Die Jugend wartet auf deine Hand
lieb Vaterland!

Lieb Vaterland magst ruhig sein
doch schlafe nicht auf deinen Lorbeeren ein!
Die Jugend wartet auf deine Hand
lieb Vaterland!

Der Schwarze Kanal vom 12. April 1974

Für den Inhalt dieses Artikels ist der Autor bzw. die Autorin verantwortlich.
Dabei muss es sich nicht grundsätzlich um die Meinung der Redaktion handeln.

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