Grândola und Gedanken zur Nelkenrevolution 1974 – Teil 2

Volkskorrespondent Rui Filipe Gutschmidt, Sta. Maria da Feira – 28. April 2021

Rui Filipe Gutschmidt

Im ersten Teil dieses Beitrags habe ich vor allem das Portugal vor der Revolution betrachtet und ein Bild vom Leben der Portugiesen „diesseits und jenseits des Meeres“ angefertigt.
µNun, zu den „Werten des April“. Nach der Analyse der Gründe für die Revolution, die in der Brutalität der faschistisch-imperialistischen Diktatur und des Kolonialkriegs zu suchen sind, ist es eigentlich nicht weiter schwer die Werte zu erahnen, die aus der Nelkenrevolution hervorgegangen sind.

In Portugal ist immer wieder die Rede von den Valores de Abril, (Werte des Aprils). Gemeint sind die Werte, die die Putschisten und schließlich das Volk, dass sich der Revolte anschloss und dadurch den Putsch, wie von den Putschisten erhofft, in eine Revolution umwandelte, für die portugiesische Gesellschaft idealisierten.
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Verschiedene Werte für verschiedene Personengruppen

„Die Werte des Aprils“, erkämpft in der Revolution. Bild: YouTube

Die Militärs, die den Putsch organisiert haben und die, die sich den Putschisten anschlossen, übernahmen eine Übergangsregierung Namens „Bewegung der Streitkräfte“ (Movimento das Forças Armadas) MFA. Sie begannen mit der Demokratisierung und sahen sich unzähliger Probleme gegenüber. Aber zu aller erst wurden die wichtigsten Punkte in Angriff genommen, die den Menschen auf dem Herzen lagen.
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Frieden

Was die Soldaten wohl am stärksten motivierte, das war das Blutvergiessen in Afrika. Die Soldaten wollten nicht mehr in einen Krieg geschickt werden, den sie für ungerecht und sinnlos hielten und aus dem so viele ihrer Kameraden schwer verletzt, verstümmelt oder im Sarg zurückkamen. Traumatisiert wurden alle, die in Angola, Mosambik oder Portugiesisch Guinea im Einsatz waren. Dabei mussten sie Dinge tun, für die sie sich den Rest ihres Lebens schämten und sich selbst hassten. Manche wurden zu Psychopathen, fanden gefallen am Töten, Foltern, an der Brutalität und der Angst, in den Augen der Einheimischen, wenn sie in ein Dorf kamen.

Damit sollte jetzt Schluss sein. Die MFA wurde besonders von der kriegsmüden Truppe in Übersee schnell anerkannt und ein Waffenstillstand ließ nicht lange auf sich warten. Die Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien war jedoch ein längerer Prozess, bei dem viele Fehler begangen wurden. Doch das ist eine andere Geschichte.
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PIDE (Geheimpolizei)/Politische Gefangene

Die Freiheit für die politischen Gefangenen kam noch am Abend des 25. April 1974. Die meisten Wärter und insbesondere die Folterknechte der PIDE ergriffen die Flucht und die Angehörigen und Mitstreiter der wegen ihrer politischen Überzeugung inhaftierten Regimegegner, versammelten sich vor dem Gefängnis und empfingen die Freigelassenen in einem Jubelsturm.

Die meisten von ihnen waren Kommunisten, die in der verbotenen Partido Comunista Português (PCP) im Untergrund tätig waren. Die PCP und die im Exil gegründete Partido Socialista (PS), waren auch die ersten politischen Parteien die ihre Arbeit im demokratisierten Portugal aufnahmen. Ihre jeweiligen Vorsitzenden kehrten unter großem Jubel aus dem Exil zurück und organisierten gemeinsam mit dem MFA den Aufbau einer pluripartidarischen Demokratie und eines vom Sozialismus inspirierten Staates.

Doch bald schon erschienen eine ganze Menge anderer Parteien auf Portugals politischer Bühne. Die meisten waren linke Splitterparteien, die verschiedene Richtungen des Marxismus-Leninismus repräsentierten. Parteien wie die PCTP/MRPP oder die PC(R) hatten aber keinen großen Einfluss.

Willy Brand (SPD) und Mário Suares (PS). Bild: Archiv RoterMorgen

Anders verhielt es sich bei den Mitte-Rechts Parteien PPD/PSD und CDS. Die ehemaligen Eliten des Landes, unter ihnen viele überzeugte Faschisten, versuchten jetzt über die Demokratie ihre Privilegien zu behalten. Auffällig ist die Namensgebung der Parteien, die sich fast alle als weiter links stehend ausgaben, als sie in Wirklichkeit waren. Die Partido Socialista (PS) – ist keine sozialistische, sondern vielmehr eine sozialdemokratische Partei, für die seinerzeit die SPD Pate stand. Helmut Schmidt, früherer Kanzler der BRD, traf sich mit dem historischen Gründer der PS schon wenige Jahre vor der Revolution in Algerien, wo sich Mário Soares im Exil befand.

Die PSD/PPD, war ursprünglich als Partido Popular Democrata geplant, gab sich aber bald den Beinahmen Partido Socialdemocrata. Sozialdemokratisch war diese Partei, die inzwischen schon oft an der Regierung war, nie. Sie sind mit der CDU/CSU oder ÖVP zu vergleichen und waren die Hauptverantwortlichen dafür, dass in Portugal die Klassenunterschiede nie wirklich beseitigt wurden. Die CDS nennt sich auch Zentrum, also Mitte, wobei sie vor allem Christdemokraten sind und die Unterstützung der Katholischen Kirche haben.

Die Parteien begannen schnell die unterschiedlichen Erwartungen der Portugiesen aufzuzeigen und entsprechend zu vertreten. Das ist Demokratie, ging aber nur solange bis die Politiker den süßen Geschmack von der Macht zu kosten bekamen… wie fast überall…
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Freiheit

„Es lebe die Revolution“

Also was bedeutet “Freiheit” eigentlich? Die Portugiesen hatten keine Ahnung! Natürlich hat jeder seine eigene Vorstellung davon was Freiheit bedeutet. Für viele war es die Freiheit sagen zu können was man denkt. Frei Wählen zu können, wer das Land regieren soll, auch wenn man keine Ahnung hat wer welches Wahlprogramm hat. Frauen waren Abhängig von ihren Eltern oder Ehemann. Sie wollten frei sein, von all den Einschränkungen die sie in der Diktatur hatten. Frei entscheiden zu dürfen, ob sie die Ehe beenden wollen. Ja, Scheidung gab es im Estado Novo nicht. Aber war Homosexualität verboten. Wie gesagt, jeder hatte seine eigene Vorstellung von dem, was man als Freiheit bezeichnet.

Die Pressefreiheit und die Meinungsfreiheit wurden allgemein begrüßt und die Zensurbehörde abgeschafft. Die Journalisten in Portugal fühlen sich seither verpflichtet, frei berichten zu können und akkurat zu informieren wurde bei einer großen Mehrheit der Journalisten als “ihre proffissionelle Pflicht” gesehen. Ausnahmen gibt es aber leider auch in Portugal.
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Grundrechte

Zu den vielen Errungenschaften der Nelkenrevolution zählen die Grundrechte, die besonders den Arbeitern erstmals Schutz vor der Willkür der Arbeitgeber zuteil werden ließ. Frauen bekamen Rechte und emanzipierten sich, auch wenn dieser Kampf noch lange nicht das angestrebte Ziel erreicht hat. Auch Kinder bekamen erstmals Rechte. Kinderarbeit wurde verboten und das Recht auf Bildung festgelegt.

So bekamen die Menschen das Recht auf Bildung, auf Gesundheitsversorgung, Rente, Krankengeld, Urlaub, einen Mindestlohn, der damals das Einkommen viele Arbeiter verdreifachte. Das Recht auf einen Anwalt, die Gerichte anzurufen, selbst wenn man kein Geld hat, das Recht auf eine Grundversorgung. Alles, was in den meisten Ländern Europas selbstverständlich war, bekamen jetzt auch die Portugiesen. All diese Errungenschaften werden allgemein als die Werte des April bezeichnet, wobei die einen alles tun um diese wieder rückgängig zu machen und die anderen enttäuscht darüber sind, dass einiges inzwischen verloren ging und auch traurig von den verpassten Chancen reden. Rückschritte gab es viele, aber auch immer wieder Schritte in die richtige Richtung. Die Pandemie hat wieder einmal die Schwächen des Kapitalismus aufgezeigt. So bietet sich eine neue Chance die Werte wiederzubeleben, die 1974 einem Volk neue Hoffnungen schöpfen ließ und aus der Rückständigkeit und der Misere in eine gerechtere, wenn auch bei weitem nicht ideale, Zukunft führten.
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Lest auch:

Grândola und Gedanken zur Nelkenrevolution 1974 – Teil 1

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2 Kommentare

  1. Es mag Rückschritte gegeben haben, aber die Chance einer proletarischen Revolution wurde verpasst. Hoffnung für das Volk, mag 1974 durchaus Triebfeder gewesen sein. Das Volk, von dem hier die Rede ist, besteht aus Sicht von uns Kommunisten aber aus zwei Klassen. Die durchaus größte Klasse ist auch in Portugal die arbeitende Klasse. Sie wird weiterhin wie in jedem anderen kapitalistischen Staat ausgebeutet, bis heute. Portugal ist auch ein Urlaubsland, in welchem der Tourismus eine große Rolle spielt (nicht nur, aber immerhin). In den Urlaubsregionen erhalten in der Tourismusindustrie viele Arbeitssuchende nur einen Job, wenn Teile ihres Gehaltes „black“ ausgezahlt werden dürfen. Das ist tägliche Realität.

    Für die Klasse der Finanz- und Monopolbourgeoisie ist Portugal, für die Möglichkeiten der Ausbeutung, moderner geworden. Dabei gab es viele gute Möglichkeiten die werktätige Klasse auch in den Klassenkampf zu führen. In der Finanzkrise 2008 protestierten Werktätige und arme Menschen in Lissabon gegen die Auswirkungen, die ihnen von der Finanzbourgeoisie und der EU aufgezwungen wurde. Ruhig und ohne Zwischenfälle bewegte sich seinerzeit der Demonstrationszug in die Baixa, Lissabons Altstadt. Aus dem Demonstrationszug, an dem auch viele Polizisten teilnahmen, flogen mitgebrachte Ziegelsteine gegen die Scheiben der Banken. Nicht von irgendwelchen Jugendlichen, die ihrer Zerstörungswut frönten, sondern von Demonstranten aller Altersgruppen – Frauen und Männer. Nicht ein Polizist, der zum Schutz der Banken bereit gestellt wurden, schritt ein. Im Gegenteil, sie solidarisierten sich – still aber erkennbar.

    Dieser Vorgang war natürlich noch keine revolutionäre Situation. Dennoch ist die Kommunistische Partei Portugals (Partido Comunista Português PCP) ihrem Auftrag, die werktätigen Massen in einen derartigen Kampf zu führen, nicht nachgekommen. Sie hatte sich schon in ihrer Illegalität zu sog Eurokommunisten entwickelt und dem Kampf zum Sturz des Kapitalismus abgeschworen. Auch ihre vielfach erklärte Forderung, des Austritts Portugals aus der Nato, wird aus Rücksicht gegenüber der sozialdemokratischen Regierung, von Antonio Costa, die unterstützt wird, nicht mehr erhoben. Damit ist Portugal, welches auch über die weltweit größten Lithium-Vorkommen verfügt, ein Kandidat zur weiteren imperialistischen Ausbeutung geblieben.

    • Aus Sicht eines deutschen Kommunisten durchaus nachvollziehbar. Ja, die PCP hat 1974’/75 versagt und hat sich seither mit der Rolle einer Protestpartei abgefunden. Aber warum war Alvaro Cunhal nicht in der Lage eine „proletarische Revolution zu machen? Weil es NICHT nur zwei Klassen gibt. Der kleine Handwerker, einfache Beamte, Kleinbauern und andere Mitglieder einer zum grossen Teil in Armut lebenden Mittelschicht wurde fälschlicherweise mit dem Geldadel, den „Espirito Santo“ Bankster Clan und den Grossgrundbesitzern in eine Schublade gesteckt. Die Mittelschicht war zwar lange der Garant für das Fortbestehen des Faschismus/Imperialismus, aber sie wurden genauso ausgebeutet und unterdrückt wie das Proletariat, das 1974 grösstenteils aus Analphabeten und in grosser Armut lebenden Landarbeiter bzw Tagelöhner die in Lissabon oder Porto ihr Glück suchten.
      Ebenfalls ein Faktor waren die etwa 600.000 Flüchtlinge die in ein Portugal mit 8 Millionen Einwohner aus den ehemaligen Kolonien heimkehrten. Nur ein kleiner Teil dieser „Siedler“, deren Familien seit bis zu 500 Jahren dort lebten, waren „rassistische Sklaventreiber“, doch die Kommunisten steckten auch diese „Heimkehrer“ deren Heimat aber seit Generationen schon Angola, Säo Tomé e Principe, Mosambik, die Kapverden, Guinea Bissau oder Ost Timor war, in eine Schublade mit den schlimmsten Verbrechern der Kolonien.
      An wen konnten sich diese Proletarier, diese arbeitenden Menschen wenden? An die Parteien Rechts von der PS. Mario Soares übergab die Kolonien an die von Kuba unterstützten Widerstandskämpfer wie die MPLA oder die FRELIMO, was eine Massenflucht einerseits und einen Jahrzehntelangen Bürgerkrieg mit den von den USA und Südafrika unterstützten UNITA und RENAMO zur Folge hatte.
      Portugals jüngere Geschichte ist viel komplexer als weitestgehend bekannt und es lohnt sich auch mal Fakten und Geschehnisse ohne ideologische Brille zu betrachten, um sich dann besser ein Urteil zu bilden warum das Land wieder in die Fänge der Bankster und Grosskapitalisten geraten konnte.
      Das Portugal von heute ist wieder eine andere Geschichte…

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