Das Leben der Migranten im Alentejo

Rui Filipe Gutschmidt – 15. Mai 2021

Rui Filipe Gutschmidt

Der Landkreis „Odemira liegt in Südportugal und hat etwa 26.000 Einwohner. Im Jahr 2020 lebten dort mehr als 9600 Emigranten legal in der Gemeinde, von denen die meisten in der Landwirtschaft arbeitende Asiaten waren (und weiterhin sind). Bei einem Covid-19 Ausbruch Anfang Mai wurden die Behörden und vor allem die Medien (erneut) auf die schlechte Unterbringung der Arbeiter aufmerksam. Doch es ist noch viel schlimmer als man anfangs dachte!

Lage von Odemira

Die jetzige Situation erinnert daran, dass in der portugiesischen Landwirtschaft, wie eigentlich in ganz Europa, Menschen als Sklaven ausgebeutet werden und wir alle wegschauen, weil wir unser Essen so billig wie möglich bekommen wollen… oder es uns ansonsten nicht leisten können.

Die insgesamt 9615 Migranten, die 2020 legal in der Gemeinde Odemira, im Alentejo, lebten, arbeiten hauptsächlich in der Landwirtschaft.
Im Management- und Managementpositionen der Unternehmen arbeiten Europäer, die größtenteils die Gesetze achten, wie der SEF (Ausländer- und Grenzbehörde) mitteilte.
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Die Nachrichtenagentur LUSA gab folgende Mitteilung heraus:

„Nach vorläufigen Daten des SEF, lebten 9615 legale Einwanderer in der Gemeinde Odemira, Distrikt Beja: 2353 davon waren nepalesische und 2328 indische Staatsbürger, gefolgt von bulgarischen Staatsbürgern (930), Arbeitern aus Thailand (785) und noch 591 Einwanderer aus Deutschland“…, die allerdings nicht in den Gewächshäusern und auf den Feldern für einen Hungerlohn den Buckel krumm machen. Die meisten haben sich in jüngeren Jahren das Kreuz an anderer Stelle kaputt gemacht und verbringen jetzt ihren verdienten Ruhestand in Südportugal. Doch es geht hier nicht um vielen Deutschen, die sich in mein Heimatland verliebt haben, sondern um Menschen die zum arbeiten nach Portugal kommen, um ihre Familien ernähren zu können.

In der Gemeinde Odemira, arbeiten ausländische Staatsbürger vor allem in der Landwirtschaft, insbesondere in den vielen Gewächshäusern, die Beeren für den skandinavischen und mitteleuropäischen Markt produzieren.

„Die Mehrheit der Einwanderer bleibt nur so lange in dieser Region, bis sie genug verdient haben, um in das Herkunftsland zurückzukehren und Zugang zu einem besseren Lebensstandard zu erhalten. Manch einer bleibt über viele Jahre mit dem unmittelbaren Ziel die Familie nachbringen zu können“, so das Communiqué des SEF weiter.

Fast könnte man glauben, man sei in einem Dorf in Nepal oder Bangladesch. Um diese Uhrzeit sieht man keinen einzigen Portugiesen auf der Straße Foto: P.S., Quelle: YouTube (Ausschnitt)

Der SEF versagt jedoch kläglich bei seiner Aufgabe die Arbeitsbedingungen und die angemessene Unterbringung ausländischer Staatsbürger, nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern auch um die Gesetzmäßigkeit der Arbeitsbeziehungen zu gewährleisten.

Doch der SEF stellt sich selber als Kontroll- und Überwachungsbehörde dar, obwohl sie praktisch kaum Beamte vor Ort haben. Im Kampf gegen Menschenhandel, Ausbeutung und Sklaverei wurde in den letzten Jahren viel zu wenig gemacht. 2018 gab es eine Phase, in der Polizei (GNR) und SEF einige von den Medien auf Schritt und Tritt begleiteten Aktionen gegen Menschenhandel, den auch ich zum Thema machte, unternahmen.

Landarbeiteruterkunft in Odemira. Bild: javo13

Beim SEF laufen derzeit 32 Ermittlungsverfahren in mehreren Bezirken des Alentejo, davon sechs in Odemira, wegen Verbrechen wie den Menschenhandel, der Unterstützung illegaler Einwanderung und Schwarzarbeit. Aber es scheint kaum jemanden zu geben, dem es darum geht, die Situation möglicher Opfer des Menschenhandels zu regeln und deren Sicherheit zu gewährleisten.

SEF-Daten zeigen auch, dass seit 2018 in der Region Alentejo nur 11 Verdächtige festgenommen wurden. Gegen 37 Personen und 14 Unternehmen laufen derzeit Verfahren wegen der oben genannten Verbrechen. Im gleichen Zeitraum wurden auch 134 Opfer von Menschenhandel zur Ausbeutung von Arbeitskräften gemeldet. Dabei werden ausgerechnet die Opfer beschuldigt, selbst für ihre prekäre Lage verantwortlich zu sein.

Die rechtsextreme Partei CHEGA attackiert Regierung und Migranten gleichermaßen. Dabei werden Opfer als Täter und Täter als Opfer dargestellt. Der COVID-19 Ausbruch wäre auf die „mangelnde Hygiene der Migranten“ zurückzuführen. Dabei ist das Problem eindeutig die mangelhafte Hygiene der Unterkünfte, in die man die Arbeiter einquartiert hat und von der die Eigentümer der Unternehmen behaupten, keine Kenntnis zu haben.

Die Regierung beschloss, die betroffenen Arbeitnehmer, deren Kollegen an Covid-19 erkrankt sind, in einem geschlossenen Ressort unterzubringen, deren Besitzer vehement gegen diese Zwangsrequirierung protestiert haben. Das man „Migranten aus dem Agrarsektor in ihre Luxushütten einquartiert hat, gefiel den Eigentümern gar nicht, was bis zu einem bestimmten Grad nachvollziehbar sein mag. Doch es handelt sich um eine Ausnahmesituation, in der Menschen in Not geraten sind, um die sich bisher keiner auch nur einen Deut geschert hat.

In den letzten Tagen wurden die Situationen, in denen diese Landarbeiter leben und arbeiten, in Portugals Medien angeprangert. Parteien wie die Liberale Initiative und CHEGA sorgen sich aber mehr um das Recht auf Eigentum, als um die anderen Menschenrechte, wie das Recht auf Leben, Gesundheit, angemessenen Wohnraum…

Es muss ein für alle mal ein weltweiter Mindeststandard festgelegt werden, der die Menschenrechte als Basis hat. Die Migranten kommen von sehr weit her, um für eine Hand voll Euros unter Bedingungen zu arbeiten und zu leben, die von den Einheimischen nicht mehr länger akzeptiert werden. Die Südeuropäer gehen ihrerseits nach Mittel- und Nordeuropa, wo sie ihrerseits Arbeiten verrichten, die von den Genossen dort nicht zu den genannten Konditionen verrichtet werden.

Ein Teufelskreis, in dem die Arbeiter scheinbar freiwillig mitmachen. Doch dieses „freiwillig“ ist relativ. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als tausende Kilometer von ihrer Heimat, ihrer Familien, den Freunden entfernt zu arbeiten, weil das internationale Großkapital in ihrer Heimat die Ausbeutung perfektioniert hat und wie im Feudalismus den Bauern das Land raubt, das meist seit Generationen ihrer Familie gehörte.

Kriege, brutale totalitäre Regierungen, Klimaschäden oder einfach nur der Mangel an Arbeit, von dessen Lohn man leben kann, sind weitere Gründe dafür, warum Menschen aus fernen Ländern nach Portugal, nach Europa, in verschiedene Industriestaaten, auf der Suche nach Arbeit kommen. Skrupellose Verbrecherbanden nutzen die Not dieser Arbeiter und agieren als „Vermittler“ zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Die Agrarbetriebe, die auf diese „Dienstleister“ zurückgreifen, geben dadurch ihre Verantwortung ab, und behaupten nichts von den prekären Lebensumständen der Arbeiter zu wissen.

Natürlich gibt es Unternehmen die sich an alle gesetzlichen Bestimmungen halten und sogar darüber hinaus gehend, sich im einzelnen um die Menschen kümmern, die für sie arbeiten. Doch das sind leider viel zu wenige.

Solange es Menschenhandel und Sklaverei mitten in Europa oder sonst wo auf der Welt gibt, müssen wir alle achtsam sein. Himbeeren, Erdbeeren, Gurken und Melonen wachsen nicht im Supermarkt. Jemand muss sie säen, pflanzen, pflegen und ernten. Liebe Leser. Denken sie bitte an diese Menschen und achten sie darauf, dass diese nicht ausgenutzt, ausgebeutet, misshandelt oder gar versklavt werden. Fragen sie nach! Bei Verdacht schalten sie die Behörden ein und informieren sie die lokale Presse …. oder uns.
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