Alarm im Weih-Rauch-Zelt

Harry Popow

Harry Popow – 23. Dezember 2019

Weihnachten 2019
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Es war zu Weihnachten im Jahre 2019, da riefen die Zirkusbesitzer das Volk zu einem gemeinsamen Singen unter dem wasserdichten Zeltdach auf. Erwünscht und vorgegeben war Beethovens Ruf nach Einigkeit unter Brüdern und Schwestern. Getreu dem warnenden Aufruf aus der Clique der Rüstungsgesellen, man möge an einem Strang ziehen und einer solle für alle da sein und alle für einen.

Doch der Militärische Abschirmdienst und der Schutz der Verfassung vor Unheil steckten beizeiten ihre nach sogenannten Auswegen, sprich Lügen, glühenden Köpfe zusammen und fummelten Einsatzpläne für den Fall der Fälle: Könne es doch sein, dass eine Gruppe von Ungehorsamen und EWIG-GESTRIGEN urplötzlich die Strophe „Brüder zur Sonne zur Freiheit…“ in die Welt hinausposaunen. Deshalb wurden im WEIH-NACHTS-ZELT digitale Überwachungsapparaturen angebracht, die jeden unerwünschten Laut umgehend und unverzüglich melden sollten.

Gut gebrüllt Löwe, dachten selbstzufrieden die Aufpasser vom Dienst. Doch es kam noch schlimmer als vermutet, denn die Überwachungskameras konnten auch sogenannte gefährliche Träume an eines zwar eingezäunten aber gerade deshalb friedlichen Landes digital registrieren.

Plötzlich schrillten tatsächlich im Überwachungszentrum die Alarmglocken. Was tun? Denn im Dunst des Weihrauches schieden sich die Geister. Die einen beschimpften den Träumer mit seinen Erinnerungen, die anderen warfen ihm absolute Dummheit vor. Zur Beruhigung der anscheinend eskalierenden Lage wurden die Medien unverzüglich angewiesen, den Lämmern zum x-ten Male einen Beitrag über einen sogenannten Schießbefehl vor die Fernsehglotzen zu schmettern, und das am 21.12.2019 am Abend, so ganz aus heiterem Himmel, was nicht seine Wirkung verfehlte. Denn nun war kein Träumen mehr nötig, dafür aber breitete sich Angst aus vor neuen an die Wand gemalten Feinden. Dem EWIG-GESTRIGEN wurde ein Küchenmesser an die Kehle gelegt und man stimmte erneut das Lied an, dass alle Menschen Brüder seien.

Einige der getreuen und staatsnahen Michels konnten nicht ahnen, dass die ideologische Vermassungsbehörde insgeheim auch diesen Moment der Angsterzeugung im Publikum für sich auszuschlachten wusste. Am nächsten Morgen fanden alle Teilnehmer der Festlichkeit im staatlichen Zirkuszelt unter ihrem Fußabtreter vor der häuslichen Türe einen freiwilligen Einberufungsbefehl. Denn das neue angemahnte Großmanöver von US-Truppen auf deutschem Boden im Jahre 2020, dass sich wiederholt gegen den Osten richten sollte, bräuchte Männer und Frauen, die an einem Strang ziehen für „Volk und Vaterland“. Für alle Fälle! Wie gehabt…

Harry Popow, Dezember 2019 (Bild: Gerd Thürk, Kiel, 21. Dezember 2019)

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Über Harry Popow 33 Artikel
Geboren 1936 in Berlin Tegel, erlebte Harry Popow (alias Henry) in seinem Buch „Ausbruch aus der Stille“) noch die letzten Kriegsjahre und Tage. Ab 1953 war er Berglehrling im Zwickauer Steinkohlenrevier. Eigentlich wollte er Geologe werden, und so begann Harry Popow ab September 1954 eine Arbeit als Kollektor in der Außenstelle der Staatlichen Geologischen Kommission der DDR in Schwerin. Unter dem Versprechen, Militärgeologie studieren zu können, warb man ihn für eine Offizierslaufbahn in der KVP/NVA. Doch mit Geologie hatte das alles nur bedingt zu tun… In den bewaffneten Kräften diente er zunächst als Ausbilder und danach 22 Jahre als Reporter und Redakteur in der Wochenzeitung „Volksarmee“. Den Titel Diplomjournalist erwarb der junge Offizier im fünfjährigen Fernstudium an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Nach Beendigung der fast 32-jährigen Dienstzeit arbeitete er bis Ende 1991 als Journalist und Berater im Fernsehen der DDR. Von 1996 bis 2005 lebte der Autor mit seiner Frau in Schweden. Beide kehrten 2005 nach Deutschland zurück. Sie sind seit 1961 sehr glücklich verheiratet und haben drei Kinder, zwei Enkel und zwei Enkelinnen.

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